Heute wird das Olympische Feuer an historischer Stätte in Griechenland entzündet. Für Gastgeber Brasilien beginnt mit der anschließenden Fackel-Stafette auch ein Stimmungs-Testlauf für die Sommerspiele im August.

Rio de Janeiro. Die Olympiamacher in Rio de Janeiro setzen weiter fleißig grüne Häkchen hinter Wettkampfstätten und Testevents und haben dennoch gut 100 Tage vor dem Start der Sommerspiele ein mulmiges Gefühl. Inmitten einer schweren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Krise zeigt das Stimmungsbarometer in Brasilien auf Tief.

"Die Spiele sind noch nicht im Bewusstsein der Menschen“, klagt Sportminister Ricardo Leyser. Das soll sich ab heute ändern, wenn im altgriechischen Götter-Hain Olympia, Austragungsort der antiken Spiele, das Olympische Feuer entzündet wird. Vom Tempel der Hera aus nimmt die Fackel ihren Weg quer durch Griechenland, dann in die Schweiz nach Lausanne, Sitz des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), ehe am 3. Mai mit der Ankunft in der Hauptstadt Brasilia die 20 000 Kilometer lange Stafette und der Testlauf für die Olympiastimmung im brodelnden südamerikanischen Subkontinent beginnt.

Seit Sonntag ist mehr als fraglich, ob Staatspräsidentin Dilma Rousseff Präsenz zeigt. Das brasilianische Abgeordnetenhaus hat mit nötiger Zweidrittelmehrheit den Weg für ein Amtsenthebungsverfahren gegen das Regierungsoberhaupt freigemacht. Die Entscheidung liegt nun bei der zweiten Kammer, dem Senat. Noch am Sonntagabend feierten viele DilmaGegner euphorisch, nicht wenige sprechen aber von einem Putsch. Das Land ist gespalten. "Uns wäre ein anderes Ambiente lieber. Aber wir haben für alle Szenarien Notfallpläne. Bis zu den Spielen hoffen wir, dass sich die Lage wieder beruhigt“, bekannte schon vor einigen Tagen Roberto Alzir, einer der Verantwortlichen für die Sicherheitsplanungen.

Das schlimmstmögliche Szenario schließt nach den Attentaten in Paris und Brüssel selbst terroristische Anschläge nicht aus, zumal die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) auch von brasilianischen Jugendlichen Zulauf erhält.

Der landesweite Fackelzug durch über 300 Städte mit medialer Aufmerksamkeit bietet eine ideale Projektionsfläche für Unmut und Unruhe. So war es im Vorfeld der Spiele 2008 in Peking auf der weltweiten Route immer wieder zu Sabotageakten aus Protest gegen Chinas Menschenrechtspolitik gekommen. Das IOC beschloss daraufhin, den Fackellauf auf das jeweilige Gastgeberland zu beschränken. Und fürchtet in Brasilien wegen der heiklen Lage ein Déjà-vu. IOC-Präsident Thomas Bach glaubt trotzdem weiter an erfolgreiche Spiele. "Wir wissen, dass die aktuelle Situation eine Herausforderung für die letzten Vorbereitungen bedeutet. Aber ich bin überzeugt, dass die Spiele wahrhaft spektakulär werden“, sagte Bach am Dienstag.

Dass die olympischen Arenen fast alle fertig sind, dass die Testevents abgesehen vom Problemfall Velodrom und den üblichen Mängeln durchweg vielversprechend ablaufen, interessiert aber keinen. Das Land steckt in tiefer Depression und Rezession. Die Enttäuschten gehen wieder auf die Straße, der Gigant erwacht. Die Stafette der Fackel ist daher auch ein emotionaler Test für Olympia

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
05.–21.08.2016 Olympische Sommerspiele 2016 Rio de Janeiro (Brasilien)