Erfurt. Was für ein zweiter Meisterschaftstag der deutschen Leichtathleten in Erfurt! Ein 18-Jähriger schlägt Stabhochspringer Raphael Holzdeppe, Olympiasieger Thomas Röhler wirft seinen Speer nicht weit genug für eine Titelverteidigung, und die beiden Wunder-Fräuleins auf der Laufbahn, Konstanze Klosterhalfen und Gesa Felicitas Krause, rocken das stimmungsgeladene Steigerwald-Stadion.

Man muss sich diese Coolness, dieses freche Auftreten, ausgedrückt in einem Satz, einmal vorstellen: „Der deutsche Meistertitel war kein Traum, der war mein Ziel.“ Nein, das sagte nicht Raphael Holzdeppe, der Weltmeister von 2013 und „Vize“ von 2015 aus Zweibrücken, das sagte ein Grünschnabel mit dem so wohlklingenden Namen Bo Kanda Lita Baehre, der gerade eine Woche zuvor bei der Junioren-Gala in Mannheim schon aufgefallen war. Man wird sich diesen Namen merken müssen.

Das Niveau des Wettbewerbs war unterirdisch schlecht und wohl den wild wehendenWinden geschuldet. Aber egal. Vielleicht braucht’s gerade eine solche Unbekümmertheit eines riesengroßen Talents, um dies zu überspielen. Lita Baehre sprang die 5,60 im ersten Versuch, Holzdeppe im dritten. Und bei den 5,70 Metern baute der Pfälzer wie schon über 5,60 Meter ein Haus. Er war ja so hoch drüber und riss beim Herunterfallen so unglücklich. Sein Trost: Wenn er die Sache mit dem Abstand hinbekommt, dann wird er bei der WM in London vorne mitspringen. Denn er ist sehr gut drauf, hat es aber nicht in der Höhe umsetzen können.

Der Wind, der Wind. Er verdarb auch den Speerwerfern die ganz große Schau. Wenngleich Johannes Vetter Thomas Röhler schon zwei Mal geschlagen hatte in dieser Saison, in Erfurt passierte es ein drittes Mal. Und Röhler stellte ganz fair fest: „Johannes ist ein verdienter Sieger.“ Klar, wenn man so weit wirft wie kein deutscher Meister vor ihm, nämlich 89,35 Meter, und wenn der Olympiasieger nicht in die Puschen kommt und bei 85,24 Meter hängenbleibt. Das kann ja ein Ding werden in London, eventuell mit dem drittplatzierten Bernhard Seifert (84,62), dem fünften Speerwerfer mit Norm.

Den Schlusspunkt setzten die Sprinterinnen und Sprinter. Sowohl Laura Müller aus Rehlingen, die von den 400 Metern kommt, in 22,65 Sekunden wie auch Julian Reus in 20,29 Sekunden unterboten in persönlichen Bestzeiten die WM-Norm, Reus krönte sich zum Doppelmeister. Chapeau! Was ja auch Publikumsliebling Gesa Felicitas Krause gelang, wobei – mit Verlaub – dies auf den 3000-m-Hindernis und den 5000 Metern ein klein wenig anstrengender sein dürfte.

Hanna Klein aus Landau, im Trikot der SG Schorndorf, trieb Krause auf der Schlussrunde der 5000 Meter an. Ein Meisterschaftsduell vom Feinsten, anfangs verbummelt, dann zeigte die Uhr: 16:20,10 zu 16:20,24 Minuten. Klein lief außen den weiteren Weg.

„Da habe ich wohl zu viel investiert“, sagte die 24-Jährige, „aber Gesa war einfach stärker, aber es ist ja nicht die allergrößte Schande, gegen sie zu verlieren. Im Gegenteil, ich bin nah an ihr dran, das sollte mich motivieren.“ Und Krause bilanzierte: „Ich wusste, dass Hanna mir Beine machen wird auf den letzten Metern, es war echt super eng. Nun bin ich happy, dass es auf den letzten Metern für mich gereicht hat. Zwei Titel mitzunehmen, das finde ich ganz toll“, sagte sie. Auf jeden Fall werden beide im Flieger nach London sitzen. Klein vielleicht dann auf den 1500 Metern mit Konstanze Klosterhalfen, die gestern im Alleingang unter vier Minuten blieb: 3:59,58 Minuten. Das ist ein Wort!

Gefeiert wird auch im Hause Harting: Julia Fischer, die seit der Hochzeit mit Robert vor zehn Monaten Harting heißt, warf im fünften Versuch den Diskus auf 63,63 Meter und feierte den zweiten DM-Titel nach 2015. Vor Anna Rüh (62,17), Claudine Vita (61,56) und der Mannheimerin Shanice Craft (61,43). Obwohl sie immer noch Vierte der Rangliste ist, wird sie als Meisterin nach London fliegen. Definitiv, und nicht nur, damit „der Harting“ nicht wieder, wie in Rio, den Lichtschalter mit dem Fuß ausmachen muss.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
08.–09.07.2017 Deutsche Meisterschaften 2017 Erfurt (Deutschland)