Er hat den Spitznamen„The Youtube Athlete“, und es ist einfach herrlich, mit ihm über Facebook befreundet zu sein. Denn seine Welt ist schillernd, die er da zum Besten gibt. Julius Yego ist heute Abend einer der ganz großen Favoriten im Speerwerfen. Ein Kenianer? Wie geht das denn? Die können doch nur laufen, denkt man.

Es gibt ja diese wunderschönen Geschichten aus dem kenianischen Hochland, dass die Schüler immer so weit zur Schule laufen müssen und deshalb solch gute Läufer werden. Das kann man glauben oder nicht, zuletzt häuften sich ja die Gerüchte und auch manche Beweise, dass da auch noch andere Dinge eine Rolle spielen. Doping oder so.

Julius Yego erzählte nach seinem Kracherwurf in Birmingham auf 91,39 Meter, wie er zum Speerwerfen kam. Er habe aus Langeweile selbst geschnitzte Stöcke durch die Gegend geworfen, als er mit seinem Vater, einem Landwirt, zum Vieh hüten ging. Dort in Soba Riber im Nandi District. Da war er, zehn, elf Jahre alt. Zum Laufen war er ohnehin zu schwer. Heute bringt der 26-Jährige 95 Kilogramm bei nur 1,79 Meter Größe auf die Waage. Ein kleines Kraftpaket.

Aber wer hätte ihm die Feinheiten im Umgang mit seinem Arbeitsgerät beibringen sollen? Einen Speerwurfsachverständigen gab es weit und breit nicht, also ging Yego ins Internet und surfte von Youtube-Video zu Youtube-Video. Bei Weltstars schaute er sich das Nötigste ab, bei Jan Zelezny oder Andreas Thorkildssen. Vor Olympia in London erhielt er vom Leichtathletik-Weltverband IAAF ein halbjähriges Stipendium in Finnland. Aber Yego ist nur einer dieser Exoten, die die Leichtathletik-Welt ein bisschen auf den Kopf stellen. Damit sind nicht die Exoten im Sprint gemeint, die die IAAF braucht, um mit immer neuen Teilnehmerrekorden zu protzen. Ohne den Sprintern zu nahe zutreten: Einfach nur laufen, das können viele. Aber Speerwerfen gehört schon zu den anspruchsvolleren Disziplinen. Die Finnen und die Tschechen gelten als die Meister des Fachs, und die Deutschen sind gewiss auch nicht schlecht. Aber wo sonst gibt es das, dass plötzlich einer aus Trinidad and Tobago Olympiasieger in London wird? Kershawn Walcott war damals 19, am Montag indes blieb er mit mageren 76 Metern auf der Strecke. Da sind noch andere: der Argentinier Braian Toledo, der Japaner Ryohei Arai oder der Ägypter Ihab Abdelrahman el Sayed, die die 800 Gramm schweren Wurfgeschosse reihenweise über die 80 Meter donnern.

In London war Yego Olympia Zwölfter, in Moskau schon WM-Vierter. Dann gewann er in Glasgow die Commonwealth-Games, das war sein erster großer Sieg außerhalb Afrikas. Und jetzt Peking muss der einstig Kuhhirte nur noch seiner Favoritenrolle standhalten. „Ich bin total fokussiert“, sagte er nach der Qualifikation am Montag, die er mit 84,46 Meter auf Platz drei abschloss.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
22.–30.08.2015 Weltmeisterschaften 2015 Peking (China)