Merkur-Interview mit Andrei Tivontchik, dem Stabhochsprungtrainer des LAZ Zweibrücken

Zweibrücken. Andrei Tivontchik hat den Sprung vom erfolgreichen Stabhochspringer zum erfolgreichen Trainer geschafft. Seit 2004 ist der Bronzemedaillengewinner der Olympischen Spiele 1996 in Atlanta Trainer beim Leichtathletikzentrum (LAZ) Zweibrücken. Merkur-Redakteur Werner Kipper sprach mit dem 39-jährigen Diplomsportlehrer und DLV-Bundestrainer des Aund B-Kaders der Frauen.

Wie wurde Ihr leichtathletisches Talent entdeckt?

Tivontchik: Ein Stützpunkttrainer in der damaligen UDSSR hat mich in der Grundschule in Slonin/Weißrussland bei einer Sichtung entdeckt. Unter dem Stützpunkttrainer, der zwei bis drei Mal in der Woche in die Schule kam, habe ich meine ersten Erfahrungen mit allen leichtathletischen Disziplinen gemacht.

Wer und welcher Trainer hat Sie entscheidend gefördert?

Tivontchik: Viele Trainer haben an meiner Karriere mitgebastelt. Die Grundlagen für den Stabhochsprung wurden in einem Sportinternat mit 13 Jahren gelegt. Ab diesem Zeitpunkt und besonders während des Studiums zum Diplom-Sportlehrer wurden entscheidende Impulse gegeben. Mein Aufwärtstrend erhielt einen entscheidenden Schub, als ich mit 22 Jahren zum LAZ nach Zweibrücken kam und fortan unter Vladimir Ryshich trainierte.

Wann und wo haben Sie den Durchbruch in die Spitze geschafft?

Tivontchik: Bereits bei der U 20 war ich mit 5,40 Metern Vierter der Weltrangliste. Im U 23-Alter hat der Sport bei der Ausbildung zum Diplom-Sportlehrer etwas zurückstehen müssen. Allerdings habe ich während des Studiums schon mit Talenten gearbeitet. Als die UDSSR auseinanderbrach, wurde auch postwendend die Förderung der Athleten eingestellt. Zwischen 1990 und 1992 war deshalb eine schwierige Phase. Von Anfang 1993 bis 1996 folgte die erfolgreichste sportliche Phase in Zweibrücken mit der Steigerung auf 5,95 Meter.

War die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in Atlanta 1996 Ihr größter Erfolg?

Tivontchik: Sicherlich. Doch nicht zu vergessen sind der dritte Platz beim Weltcup 1994, die Bronzemedaille bei der Hallen-WM in Barcelona 1995 und als Höhepunkt habe ich mir als dreifacher Deutscher Meister die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in Atlanta mit 5,92 Metern gesichert. Wegen einer Knieverletzung, die auch mein Karriereende 2001 einläutete, musste ich bereits die Olympiade in Sydney 2000 absagen.

War es Ihr Ziel, nach Ihrer Karriere Trainer zu werden?

Tivontchik: Bereits als Athlet habe ich den Weltrekordler und Sechs-Meter-Springer Dimitri Markov in Zweibrücken trainiert. Frühzeitig habe ich mich bei dieser Tätigkeit sehr wohl gefühlt. Im letzten Jahr meiner Karriere haben ich mir schon verstärkt Gedanken über meine berufliche Zukunft gemacht, wobei sich das Traineramt immer mehr herauskristallisierte. Als ich ein Angebot aus Katar 2001 erhielt, habe zugesagt und war bis 2004 Trainer im Emirat.

Muss ein erfolgreicher Trainer ein erfolgreicher Athlet gewesen sein?

Tivontchik: Das ist keine unbedingte Voraussetzung. Es muss zusammenpassen. Dabei ist das Traineramt, wie auch in anderen Sportarten, der undankbarste Job. Ich kenne erfolgreiche Stabhochsprungtrainer, die früher gar Tennis gespielt haben. Wichtig ist, dass ein gewisses Gefühl für die Bewegungsabläufe beim Stabhochsprung vorhanden ist.

Was war für Sie maßgeblich, nach Ihrem Aufenthalt in Katar, zum LAZ zurückzukehren, für das Sie unter Vladimir Ryshich gestartet sind?

Tivontchik: Ich wusste von Beginn an, dass der Trainerjob in Katar nicht für die Ewigkeit bestimmt war. Als Ende 2003 das Angebot von Professor Kruber und ABC Ludwigshafen vorlag, habe ich noch abgelehnt. Im Sommer 2004 wollte ich unbedingt wieder nach Deutschland zurück. Im Dezember habe ich beim LAZ als Trainer begonnen und die Gruppe von Dieter Kruber übernommen.

Welche Rangfolge nimmt das LAZ in der deutschen Stabhochsprungszene ein?

Tivontchik: Das LAZ ist zweifellos eine Stabhochsprung-Hochburg. Doch anders als bei Bayer Leverkusen, das sich, bis auf das Eigengewächs Danny Ecker, seine Stars einkauft, baut das LAZ darauf, seine eigenen Talente nach oben zu bringen. Angefangen von Weltrekordlerin Andrea Müller über Nastja Ryshich, Raphael Holzdeppe und Kristina Gadschiew bis zu Daniel Clemens. Nicht zu vergessen die Speerwerfer Alexander Vieweg, Till Wöschler, Paralympics-Teilnehmer Martin Horn und Hürdensprinter Jens Werrmann.

Was zeichnet Sie als Trainer aus?

Tivontchik: Da müssen Sie eigentlich meine Athleten fragen. (Kristina Gadschiew schildert den 39-jährigen gebürtigen Weißrussen als sehr streng, aber fair. In der Regel ist er äußerst ruhig und ziemlich geduldig. Nur in äußersten Notfällen reagiert er gereizt, die Red.)

Der LAZ-Vorsitzende Josef Scheer hat Sie einen preußischen Trainer genannt. Was meint er damit?

Tivontchik: Ich kann sehr konsequent sein, wenn er das damit meint. Und ich dulde dann auch keine Kompromisse. Sicherlich kommt mir zugute, dass ich früher selbst Stabhochspringer war. Ich weiß, worauf ich in den Trainingseinheiten bei meinen Athleten achten muss, wie sie ticken.

Sie sind der Ziehvater von Raphael Holzdeppe und Kristina Gadschiew. Welches Erfolge trauen Sie den beiden zu?

Tivontchik: Ich habe Raphael mit 14 Jahren von Professor Kruber übernommen. Er hat sich unter mir zum zweifachen Junioren-Weltrekordler entwickelt. Nun gilt es, seine Form und seine Bestleistung um 5,80 Meter zu stabilisieren. Kristina ist nach einer dreijährigen Pause, bedingt durch die Schule, erst 2004 zu mir gekommen. Ihre Bestleistung von 3,70 Metern hat sie auf 4,60 Meter in der Halle und 4,58 Meter im Freien gesteigert. Ich traue ihr durchaus Höhen von 4,70 Metern zu.

Die deutschen Männer und Frauen haben ein dicht gestaffeltes Feld. Wem trauen Sie den Durchbruch zu?

Tivontchik: Bei den Männern bahnt sich ein Generationswechsel an. Einige ältere Springer werden in diesem Jahr sicherlich ihre Karriere beenden. Zu den jüngeren Springern wie Malte Mohr und Karsten Dilla zähle ich auch Raphael Holzdeppe. Bei den Frauen hat sich Silke Spiegelburg aus Leverkusen mit 4,70 Metern in der Weltspitze etabliert. Fünf Athletinnen, darunter auch Kristina Gadschiew, unter den ersten 15 der Welt, beweisen aber das Potenzial der deutschen Elite.
Trainer Andrei Tivontchik und Natasha Benner
Trainer Andrei Tivontchik korrigiert die Griffhaltung von Natasha Benner. Foto: voj
Andrei Tivontchik bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta
Jubelschrei über Bronze bei den Olympischen Spielen 1996.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
19.07.–04.08.1996 Olympische Sommerspiele 1996 Atlanta (USA)
10.–12.03.1995 Hallen-Weltmeisterschaften 1995 Barcelona (Spanien)