Geht’s noch? Dachte ich wirklich, als ich vor kurzem an einem Gipfelkreuz auf 2200 Meter in den Zillertaler Alpen stand und vor mich hinflüsterte: Doha? Muss das sein? Saugefährliche Ecke dort unten, fünfeinhalb Flugstunden von daheim entfernt. Kunststadt in einer Geröllwüste. Heiß, schwül. Für zwei Wochen keine Rieslingschorle. Und all die Klimadebatten!?!?

Nun bin ich da, Job ist Job. Aber ist es nicht so, dass nur der, der dabei ist und sich vor Ort ein Bild macht, Vorurteilen trotzen kann. Wobei, um das gleich klarzustellen: Ich bin gekommen, um über die Leichtathletik-Weltmeisterschaften zu berichten, wie seit 1995, und nicht, um politische Statements abzugeben.

Gesehen hab’ ich von Doha noch nichts. Es ist früh und lange dunkel, und tagsüber ziemlich diesig, und der Eintritt in mein Hotelzimmer hat mich sowieso erst mal vor Scham erblinden lassen: 50 Quadratmeter groß – geht’s noch? Irgendwie sind mir sofort Flüchtlingsunterkünfte in den Sinn gekommen und das dramatische und unmenschliche Chaos beispielsweise auf griechischen Inseln.

Erlebt hab’ ich auch noch nichts. Die Suche nach einem Restaurant habe ich am ersten Abend nach 500 Metern erschöpft abgebrochen. Vielleicht wird’s ja heute Abend was. In die andere Richtung soll, wie man so schön sagt, „ein guter Syrer“ sein. Essen muss der Mensch ja was.

Aber erledigt habe ich schon einiges. Routinearbeiten, die wie an jedem ersten WM-Tag in völliger Orientierungslosigkeit schon verdammt schwierig waren. In einer Welt, von der ich glaube, dass es nicht meine ist, und in der Sorge, dass ich über mehrere Minuten nicht über WhatsApp erreichbar sein könnte. Es ist alles gut gegangen. Ich bin mit dem Kollegen Berthold Mertes losgezogen, ein gebürtiger Trierer, der längst in der Köln-Bonner Gegend heimisch geworden ist. Wir haben 1986 gemeinsam volontiert. Übrigens: Der ist schon mal in 2:22 Stunden einen Marathon gelaufen. Hammer! Jetzt organisiert er den Trierer Silvesterlauf. Den 30. in diesem Jahr.

Wir haben uns unsere Akkreditierung abgeholt und uns im Main Press Center (MPC) umgeschaut. Es war noch kaum einer da. Einen Spind habe ich bekommen, was mir immer wichtig ist, und festgestellt, dass die große Sporthalle, in der rund 700 Arbeitsplätze eingerichtet sind, ganz vernünftig klimatisiert ist. Geht also die nächsten Tagen mit kurzen Hosen und einer Jacke in petto.

Wenn das Catering (siehe Bild) hält, was es verspricht, dann könnte es nicht nur teuer werden für die Kataris, wobei ich denke, dass Geld keine Rolle spielt, und es braucht auch keinen Syrer mehr. Doch halt mal: Es gibt ja eh keinen freien Abend mehr bis Sonntag in einer Woche, an dem ich gemütlich essen gehen könnte.

Dann fuhren wir noch zur Auftaktpressekonferenz „in die Stadt“. Stop and go. Mittenrein in diese unfassbare Wolkenkratzer-Szenerie. Die fünf Kilometer für umgerechnet 3,50 Euro. Mit Uber. Der Taxifahrer für den Rückweg, der mich verschämt (versteckt?) zu sich winkte, verlangte das Dreifache. Ich war wohl zu gutgläubig.

Jetzt bin ich halt mal ein paar Tage nicht am Rhein, sondern am Persischen Golf, sehe statt Maisfelder Wolkenkratzer, trinke Wasser statt Wein und freue mich, wenn es denn heute endlich losgeht.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
27.09.–06.10.2019 Weltmeisterschaften 2019 Doha (Katar)