Nürnberg. Im Winter gibt’s Lebkuchen auf dem Christkindlesmarkt, im Sommer Medaillen vor dem Rathaus: Heute Abend eröffnen die Weitspringerinnen und Weitspringer in der Nürnberger Altstadt die deutschen Meisterschaften, der Rest der Leichtathletikfamilie trifft sich morgen und am Sonntag zum Titelkampf im Grundig-Stadion.

Der Deutsche Leichtathletik-Verband geht seit dem vergangenen Jahr neue Wege: Nach dem Erfolg mit dem Kugelstoßen vor dem Ulmer Münster wird nun eine Sandgrube mit Laufsteg außerhalb des Stadions aufgebaut. Die Entscheidung bei den Frauen verspricht richtige Spannung, da sich in Lena Malkus, Sosthene Moguenara und U23-Europameisterin Malaika Mihambo gleich drei 6,90-m-Springerinnen um den Titel streiten. Christian Reif ist zurückgetreten, Sebastian Bayer ist verletzt, und doch wird die Entscheidung bei den Männern Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Markus Rehm, der beinamputierte letztjährige Meister, ist wieder dabei – diesmal aber außer Konkurrenz.

Die Entscheidungen im Grundig-Stadion, neben dem Olympiastadion in Berlin das einzige deutsche Erstliga-Stadion mit einer Rundbahn, stehen im Zeichen des Titelkampfes, aber es geht natürlich auch um die Tickets für die Weltmeisterschaften in Peking (22. bis 30. August). Von den vier deutschen Weltmeistern von Moskau 2013 starten drei: Speerwerferin Christina Obergföll, Stabhochspringer Raphael Holzdeppe und Kugelstoßer David Storl. Diskuswerfer Robert Harting ist nach seinem Kreuzbandriss noch nicht wieder für Nürnberg fit, hat aber einen Start in Peking nicht ausgeschlossen. Als Titelverteidiger besitzt er eine WM-Wildcard. Wie Obergföll, Holzdeppe und Storl auch, wobei sich alle drei durch Normerfüllung auch sportlich das Ticket verdient haben.

Im Speerwurf der Frauen streitet sich ein Quartett um die Medaillen. Interessant: Die beiden, denen man am meisten zutraut, Obergföll und Linda Stahl, stehen in der Rangliste auf den Plätzen drei und vier. Katharina Molitor führt mit 66,40 Meter vor der Herschbergerin Christin Hussong. Mit ihrem 65,60-m-Wurf hat sie sich vor kurzem den U23-EM-Titel in Tallinn geholt. „Ich weiß, dass ich alle schlagen kann. Ich habe nichts zu verlieren, gehe ganz locker rein in den Wettkampf am Sonntag“, sagte die 21 Jahre alte Athletin des LAZ Zweibrücken. Sie wird angreifen, das ist sicher, und die großen Drei ärgern wollen. Das Gute daran ist, dass keine Werferin Normendruck verspürt, weil alle vier in Peking starten dürfen. „Wir sind da völlig entspannt“, sagte Hussong.

Zweites heißes LAZ-Eisen ist Raphael Holzdeppe. Als es bei ihm im Winter immer noch nicht richtig rund lief, beruhigte sein Trainer Andrei Tivontchik alle Zweifler. „Macht langsam, Raphael kommt wieder zurück“, wusste er. In der Tat, Holzdeppe ist wieder da, und das besser als je zuvor: Mit 5,92 Meter sprang er in Baku Bestleistung. Aber das interne Duell hat er noch nicht gewonnen. Tivontchik führt mit seinen 5,95 Metern vom 16. August 1996 in Köln, womit er Dritter in der ewigen Bestenliste ist. Holzdeppe rangiert auf Platz sechs. Außerdem: Tivontchik war 1995 deutscher Meister, Holzdeppe noch nie.

Als Titelverteidigerin könnte auch Lisa Ryzih, die Stabhochspringerin vom ABC Ludwigshafen, einen Titel in die Pfalz bringen. Im Diskuswurf der Frauen hat der DLV ein Luxusproblem: Unter vier Werferinnen mit Norm müssen die drei WM-Starterinnen gefunden werden. Wie immer im Fokus: der Sprint. Verena Sailer, die Mannheimer Sprintkönigin, muss sich dem Ansturm der Jungen erwehren. Und: Schafft es Julian Reus, in die Nähe seines deutschen Rekords von 10,05 Sekunden aus dem Vorjahr zu kommen?

Als Titelverteidiger ist Weltmeister Raphael Holzdeppe für die WM in Peking bereits qualifiziert. Er kann in Nürnberg befreit von allem Normendruck antreten.
Als Titelverteidiger ist Weltmeister Raphael Holzdeppe für die WM in Peking bereits qualifiziert. Er kann in Nürnberg befreit von allem Normendruck antreten. Foto: Moschel

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
25.–26.07.2015 Deutsche Meisterschaften 2015 Nürnberg (Deutschland)