Zwischen meinem Freiluftarbeitsplatz im ersten Stock des Vogelnests und der Interviewzone im Keller liegen 90 Treppenstufen. Die sind mehrfach am Tag im Laufschritt zu nehmen. Und zwischen den Interviews mit den beiden pfälzischen Stabartisten Lisa Ryzih und Raphael Holzdeppe lagen gestern elf spannend-aufregende und nur schöne Stunden.

Wenn ich sitze, sitze ich im Block 209, Reihe 11, Sitz drei. Etwas hinter der Ziellinie. Neben mir der amerikanische Kollege James O’Brien von „The Winged Foot“, einem Leichtathletik-Magazin aus New York. Weil zwei deutsche Kollegen irgendwie verschollen sind, habe ich einen Dreiertisch allein. Mit Bildschirm, Ergebniscomputer und Platz für das Laptop. Direkt an der Treppe. Es sind wahrlich komfortable Arbeitsbedingungen, und wenn man noch die 15 Minuten Wegstrecke zwischen Hotelbett und Tribünenplatz hinzunimmt, ist das einfach nur großes Glück. Vielleicht das Glück des Tüchtigen.

Lisa Ryzih, die ich seit ihrem sechsten Lebensjahr kenne, war so was von erleichtert nach ihrem Einzug ins Finale, wo sie doch sonst so hippelig sein kann, und Raphael Holzdeppe so was von glücklich und euphorisiert. Den habe ich in der Ludwigshafener Leichtathletikhalle springen sehen, da war er vielleicht 13, 14 und trug damals ebenso längere kurze Hosen. Einen so entspannten, aber zielstrebig arbeitenden Typen gibt es selten. Erst lag ich Andrei Tivontchik auf der Tribüne in den Armen, dann „Raffi“ in der Mixedzone. Auf meine Frage nach seinem Lieblingsgetränk meinte er nur: „Ich bin heute für alles offen.“

In unserer Mittagspause haben Bernhard und ich ein bisschen auf Kultur gemacht. Gechillt, genossen, gestaunt. Wo? In qi-jiu-ba. Auf Deutsch: 798. Dies ist eine sensationelle Kulturzone im Dashanzi-Gelände, auf dem seit 1995 riesige Fabrikhallen leer standen. Zehn Kilometer oder 32 Yuan (4,50 Euro) oder 18 Minuten über den vierten Ring entfernt vom „Vogelnest“. Und dann diese, wie es heißt, lebendigste Kulturszene der Welt. Ich kann das letztlich nicht beurteilen. Aber wir waren einfach begeistert. 798 ist aufwühlend, kritisch, berauschend, hektisch und irgendwie auch eine Oase der Ruhe. Ein ganz besonderer Ort in Peking. Ich habe dort einen köstlichen Cappuccino bekommen, nach all dem „Muckefuck“ (wie meine Mutter gesagt hätte) am Frühstückstisch. Wir haben die Riesenmäuler der Figuren von Yue Minjun fotografiert (ich knipste ein Selfie mit ähnlich aufgerissenem Mund), und wir haben Bilder des international bekannten chinesischen Malers und Zeichners Zhang Weidong in einer großzügigen Ausstellung gesehen – Pferdeköpfe einerseits, was den Pferdefreund Bernhard besonders begeisterte, und auch erotische Bilder.

Dann fuhren wir wieder zurück zur Arbeit: Abendtermin mit Usain, der seine eigene Siegerehrung filmte – und mit Raphael.

Klaus D. Kullmann
Klaus D. Kullmann

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
22.–30.08.2015 Weltmeisterschaften 2015 Peking (China)