So sah also das fertige Bild aus, das ich mir seit Tagen immer nur als Puzzleteile bei den hautnahen Proben im Stadion zusammenreimen konnte: eine typisch chinesische Eröffnungsfeier. Natürlich mit ganz, ganz, ganz vielen Menschen, sehr bunt, sehr farbenfroh, sehr sportlich.

Jetzt laufen sie also auch offiziell, die Weltmeisterschaften, nachdem ich mich schon seit drei Tagen jeden Morgen warmgelaufen und gestern dann, bei 22 Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von 73 Prozent, ein 19 Jahre alter Bursche namens Ghirmay Ghebrslassie den Marathon unter strahlend blauem Himmel gewonnen hatte. Das Rennen verursachte ein kleines Verkehrschaos rund ums Stadion. Das gab Stress für viele Kollegen, weil sie nicht ankamen. Nun, wer nicht kommt zur rechten Zeit, der ...

Apropos ganz, ganz, ganz viele Menschen. Die wollen (müssen) ja alle beschäftigt werden. Ich weiß wirklich noch nicht, welche Fraktionen all die Uniformierten vertreten: grüne, schwarze, blau-schwarze, andersartig schwarze Anzüge tragen sie, stehen oder laufen stramm und geben einem Sicherheit, auch wenn man sie gar nicht vermisst. Anders ausgedrückt: Der Sicherheitsfaktor hat gestern eine ganz neue Dimension erlangt.

Mein größtes Erfolgserlebnis gestern: Yes, ich habe sie, die so heiß ersehnte und langgesuchte Simkarte mit der Telefonnummer 130510656 und so weiter. Verkauft von jungen Damen bei China Unicom, von denen immer mehr um mich herumschwärmten und kicherten und lachten und ihr Englisch ausprobierten. Und mein zweitgrößtes war das Entdecken des North Star Shopping Centers. Ein Supermarkt vom Feinsten, mit denen die deutschen eher nicht mithalten können. Ich machte mich in der Obstabteilung breit. Pfirsiche, Birnen – und schon waren wieder zwei Mädels da. Schwätzten mir Kirschen, Apfelsinen auf und eine toll aussehende Frucht, zu der ich auch nicht Nein sagen konnte.

Daheim im Hotel, wo mein Kumpel Bernhard sein Mittagsschläfchen hielt, um dann am Abend bei den ersten Entscheidungen mit seiner Kamera, immer noch leicht geschwächt, aus der Tiefe des Raums zu kommen, hab’ ich gleich mal über Facebook, das neuerdings immer stabiler wird, um Hilfe gerufen. Und siehe da, die Claudia, die Petra und die Sylvia schrieben einstimmig: Drachenfrucht. Wieder was dazu gelernt.

In dem Markt gab’s auch eine Haushaltswarenabteilung, aber die hatte genau dieses einzige Teil nicht, das ich hätte gebrauchen können – ein Messer zum Schälen. Als ich den Verkäufer fragte, weshalb nicht, sprach er kein Wort, lachte aber zu seinen Hand- und Kopfbewegungen. Den einen schüttelte er, und den Zeigefinger bewegte er erst warnend und dann machte er eine Schnittbewegung an der Gurgel. Da ging mir ein Licht auf, ich war baff. In Peking geht (auch) die Angst vorm Supermarktmörder um.

Der Drachenfrucht haben wir auch ohne Messer den Garaus gemacht. Mit einem scharfkantigen Löffel aus der Haushaltswarenabteilung.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
22.–30.08.2015 Weltmeisterschaften 2015 Peking (China)