Sebastian Coe gegen Sergej Bubka: Am heutigen Mittwoch entscheidet sich in Peking, welcher ehemalige LeichtathletikStar an die Spitze des krisengeplagten Weltverbandes IAAF rückt.

Peking. Mitten in einer der schlimmsten Krisen der Leichtathletik kämpfen zwei ehemalige Superstars um das Präsidentenamt im Weltverband IAAF. Sebastian Coe oder Sergej Bubka – einer der beiden Olympiasieger wird am heutigen Mittwoch Nachfolger des umstrittenen Senegalesen Lamine Diack und muss nach den seit Monaten anhaltenden Dopingvorwürfen um die Zukunft der Traditionssportart kämpfen.

„Beide sind hervorragende Kandidaten, aber der DLV sieht bei Coe das noch größere Reformpotenzial“, sagte Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Der Brite, 1500-Meter-Olympiasieger von 1980 und 1984, Cheforganisator der Olympischen Spiele 2012 und Ritter des britischen Empires, scheint im Rennen der beiden bisherigen Vizepräsidenten momentan die Nase ein bisschen vorne zu haben. Zumindest haben sich bisher weit mehr Nationen für ihn ausgesprochen als für seinen ukrainischen Gegenkandidaten – den ehemaligen Stabhochsprung-Weltrekordler, sechsmaligen Freiluft-Weltmeister und Olympiasieger von 1988.

Seit Monaten reisen beide rund um die Welt, um für sich zu werben. Hatten sie sich noch zu Beginn ihres Wahlkampfes die Modernisierung der Leichtathletik auf die Fahnen geschrieben, ist nun Doping das Thema. Und dort liegt auch der größte Unterschied in den beiden ansonsten ähnlichen Programmen: Während Bubka die Zusammenarbeit mit der Wada befürwortet, plädiert Coe für seine Sportart für eine unabhängige Anti-Doping-Organisation. Trotzdem ließ er sich dazu hinreißen, die letzten Enthüllungen über weit verbreitetes Doping in der Leichtathletik als Kriegserklärung an die Sportart zu kommentieren, was ihm viel Kritik außerhalb der IAAF einbrachte, bei der Wahl aber vielleicht noch ein paar Stimmen zusätzlich bescheren könnte.

„Was ich mir nicht vorstellen kann, ist, dass beide Vizepräsidenten über Sachen wie Korruptionszahlungen oder Doping-Proben-Freikäufe nie Bescheid gewusst haben. Das kann unmöglich an einem Vizepräsidenten vorbeigegangen sein“, sagte Diskus-Olympiasieger Robert Harting: „Ich weiß aber auch, dass man zumindest den Anschein hegen muss, gleichartig zu sein, um in die Position zu kommen, Dinge zu verändern.“

Reformieren und aufklären

Es wird ohnehin die dringendste Aufgabe des neuen Präsidenten sein, die IAAF nach 16 Jahren Herrschaft von Lamine Diack zu reformieren und die Doping-Anschuldigungen aufzuklären. „Wir befinden uns im freien Fall. Irgendjemand muss schnell handeln, sonst ist unsere Sportart tot“, zitiert der „Guardian“ anonym eine „einflussreiche“ Quelle.

Auch die Rolle Coes beim Marketingunternehmen CSM wirft Fragen auf. CSM war unter anderem sowohl bei der Vergabe der umstrittenen Europaspiele sowie der Begegnungen der Fußball-EM 2020 an Baku beratend tätig. Als IAAF-Präsident wäre Coe auch Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und würde bei der Vergabe Olympischer Spiele mit abstimmen. Ein möglicher Interessenkonflikt.

Sein Kontrahent Bubka sitzt bereits im IOC und versuchte vergeblich, die Präsidentschaftswahl gegen Thomas Bach zu gewinnen.

Am Rande (dpa)

DLV-Präsident Clemens Prokop hat dem Leichtathletik-Weltverband empfohlen, eine unabhängige Anti-Doping-Abteilung zu schaffen. „Ich würde mich im Falle meiner Wahl ins IAAF-Council dafür einsetzen, dass die Doping-Bekämpfung ausgegliedert und in eine selbstständige Organisation umgewandelt wird, die unabhängig von der IAAF ist“, sagte der Verbandspräsident. „In Ländern, wo die Doping-Bekämpfung an professionelle Agenturen ausgelagert wurde, ist die Glaubwürdigkeit gestiegen“, meinte Prokop, der sich in Peking um einen Sitz im Führungsgremium des Weltverbandes beworben hat.

In einer ARD-Dokumentation war jüngst der Vorwurf erhoben worden, die IAAF habe Blutdoping-Fälle verschwiegen. Bei der Auswertung einer Liste aus der IAAF-Datenbank mit 12 000 Bluttest-Ergebnissen waren bei einer größeren Zahl von Sportlern dopingverdächtige Werte festgestellt worden. „Argumente wie, es könnte etwas vertuscht oder verdrängt werden, würden nicht mehr aufkommen“, sagte Prokop.