Es gibt Momente, da hängst du ganz tief drinnen. Emotional. Da läuft nichts. Du hast das Gefühl, die Felle schwimmen dir davon. Deutschland schläft, keiner kann dir zuhören. Und auch hier, in Tokio, ist niemand um dich herum. Niemand. Das meinte ich im Sonntags-Tagebuch, als ich davon schrieb, Bernhard Kunz zu vermissen. Er hätte mich aus dem Tief geholt. Motiviert. Ein Späßlein gemacht.

Ich, der Einzelkämpfer, bin im MPC gestrandet, in dem in seiner Dimension unfassbaren Messegelände, vor 25 Jahren auf der künstlichen Insel Odaiba eröffnet, in der Bucht von Tokio, bekannt unter dem Namen „Big Sight“. Von außen imposant, gähnt es mittlerweile vor Leere. Das war zu erwarten. Der Vorteil: Man könnte/kann die Maske bis zur ersten Verwarnung weglassen. Aber die Gelbe Karte kommt nicht, denn die Japaner sind insofern lässig, als sie ja vorleben, dass jeder für seine Gesundheit selbst verantwortlich ist. Alle sind ausgeströmt, auch ich wollte nicht den Vormittag im MPC verbringen.

Was ist passiert? Der Wecker klingelte um halb sechs, das war schon herb. Der Frühstücksraum öffnete um 6.30 Uhr, trotz eines Journalistenstaus keine Sekunde früher. Japaner sind in ihrer Freundlichkeit eben streng, unerbittlich, konsequent. Der Bus ging um 7.13 Uhr, aber er fuhr 30 Minuten länger als sonst. Ich hatte den Berufsverkehr unterschätzt, weil Donnerstag und Freitag Feiertage waren, dann das Wochenende kam. Dieses Licht ging mir erst heute auf.

Am MPC angekommen, also dort, wo Dutzende von Bussen sich kreuzen, am Umschlagplatz für uns Journalisten, fand ich den Abfahrtsort zum Triathlon nicht gleich, dann war der Bus weg und der Norweger Kristian Blummenfelt im Ziel. Gold für Norweger, Holz für mich. Ich knickte den Triathlonwettbewerb und gab auf. Vermutlich wäre ich schneller hingelaufen. Dem gut gelaunten Kollegen Michael Wilkening, den ich auf seinem Weg zum Hockey traf, mochte ich meinen Frust gar nicht gestehen.

Dieser saß eh recht tief. Seit 24 Stunden fand ich keinen Zugang auf dem RHEINPFALZ-Server, erst weil wegen des Sonntags kein Techniker zu erreichen war, und jetzt, weil alle noch schlafen. Den Cappuccino für drei Euro habe ich mir, knapp an der Tastatur vorbei, über den Tisch geleert, unabsichtlich natürlich. Ich kaufte mir einen zweiten, weil er besser schmeckt als der Hotel-Muckefuck. Wenigstens das Tablet funktionierte, und so schrieb ich meinen Text wie früher – in eine Worddatei.

Es ist, wie es ist, sagte mir mal eine liebe Kollegin. Ich fand einen kleinen Raum in der Mitte des MPC: Ikebana zum Beten. Ikebana ist die japanische Kunst des Blumenarrangierens, die meditative Form wird Kado genannt. Du wirst nicht nur optisch die Schönheit aufsaugen, sondern die sanfte Kraft der Blumen auch über die Haut spüren, steht da. Es soll ein Ort sein, an dem Menschen für den Erfolg der Spiele beten können, für ein Ende von Covid-19 und für den Weltfrieden.

Ich dachte in diesem Moment auch ein bisschen an mich, wusste auch, dass es weitergeht. Als ich dann meine zweite „Bronzene“ holte – danke Sideris Tasiadis! – und Felix Kerkow per Ferndiagnose mein Notebook zum Laufen brachte, war sowie wieder alles in Butter. Und am naturnahen Gebetsraum hat am Abend ein Dutzend Frauen frische Blumen neu arrangiert.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
23.07.–08.08.2021 Olympische Sommerspiele 2020 Tokio (Japan)