Ich musste raus. Einfach raus. Schnell raus aus dem Bett, obwohl ich nach der Eröffnungsfeier und der gefühlt ewigen Heimfahrt erst um drei Uhr nachts wie tot in selbiges gefallen war. Aber auch raus aus der Stadt. Dort steht nämlich die Hitze. Schnell noch den dritten Spucktest gemacht, dann ist erst mal Ruhe bis Dienstag, schnell einen Adapter gekauft, weil in mein Notebook kein LAN-Kabel passt und ich nur ungern erneut vom W-LAN im Stich gelassen werden möchte. Schnell ein Taxi gebucht. Klappte perfekt. In den ersten zwei Wochen darf kein Journalist den öffentlichen Nahverkehr nutzen, und Busse fahren keine zum Radrennen. Vielleicht haben es ja deshalb nur fünf deutsche Journalisten dorthin geschafft. Radrennen sind seit ewigen Zeiten mein Metier, auch wenn heute noch gerne unter Kollegen erzählt wird, wie und warum ich Jan Ullrichs Olympiagoldmedaille 2000 in Sydney verpasste und mich stattdessen als Einziger vom Segler Jochen Schümann unterhalten ließ.

Mich reizte auch die erwartbare Nähe zum Fuji, dem mit 3776 Meter höchsten Berg Japans. Der heilige Berg. Ein Vulkan. Was kann ich dafür, dass, vermutlich als Vorbote des Taifuns, der am Montag/Dienstag hier aufschlagen soll, Wolken die Schneekuppel in Watte einpackten. Ich kaufte mir eine Postkarte, reicht ja auch.

90 Minuten brauchte das Toyota-Taxi zur Toyota-Teststrecke für 90, 100 Kilometer, machte vier Voucher und 2000 Yen (12,30 Euro). Ein Voucher ist 10.000 Yen wert, und 14 Stück gab’s zu Beginn für jeden. Eben weil keine Züge und öffentliche Busse benutzt werden dürfen. Der Taxifahrer sprach kein Wort, trug aber weiße Handschuhe.

Der Fuji also. Interessante Anfahrt durch grünes, hügeliges Gelände, keine Autobahn, keine Hochstraße, keine Wolkenkratzer mehr. Einfach nur pure Natur. In 550 Meter Höhe liegt das Ziel. Auf dem ehemaligen Formel-1-Rennkurs. Und siehe da – Zuschauer. Ja, Zuschauer, schon unterwegs eine Menge Hobbyradler, wie zuletzt bei den deutschen Meisterschaften in Bolanden. Olympia lebt.

Unweigerlich fiel mir Hartwig Gauder ein, der Olympiasieger und Weltmeister für die DDR im 50-KilometerGehen. Im April 2020 ist er 66-jährig gestorben. Er hätte schon viel früher tot sein können. Gauder bekam 1996 erst ein künstliches Herz, dann 1997 ein Spenderherz, lief 1999 den NewYork-Marathon und bestieg 2003 den Fuji. Eine unglaubliche Geschichte, in die er mich kurz darauf in einem Interview auf faszinierende Weise mitnahm. Seither ging mir der Fuji nicht mehr aus dem Kopf.

Gauder war Diplom-Architekt, auch davon erzählte er mir, und sorry, jetzt muss ich so persönlich werden: Paul, einer meiner Söhne, hat am Mittwoch sein Diplom-Architektur-Studium in Lautern abgeschlossen. Ziemlich gut sogar. Also schrieb er mir Tage später auf meine WhatsApp-Glückwünsche: „Ich bin total entspannt nach meinem Abschluss und meiner Note“. Und, weil ich ihm nach der Ankunft in Tokio ein Bild schickte: „Du schaust aus wie ’00, kaum gealtert.“ Ist das nicht herrlich? Paul war damals 4 und hat später vielleicht ein Bild aus Sydney gefunden. Wenn der mich heute, jetzt gerade, sehen würde, nach dieser Rückfahrt nach Tokio, die sich vier Stunden hinzog. Verdammt noch mal, schon wieder weit nach Mitternacht ins Bett.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
23.07.–08.08.2021 Olympische Sommerspiele 2020 Tokio (Japan)