Ich fahre länger Bus als ich im Bett liege. Quer durch die Stadt, jeden Morgen, jeden Mittag, jeden Abend, jede Nacht. Dabei ist die harte Matratze wirklich Weltklasse. Doch auch das Busfahren ist insofern nicht verkehrt, weil ich mich immer ganz hinten hin setze und die Maske heimlich ablege. Aber das juckt eh keinen. Auf den Touren ist Google Maps ein Segen, so weiß ich wenigstens, wo ich bin. Wenn meine neidvollen Blicke draußen irgendetwas Interessantes erhaschen, ein Kaufhaus, einen Park oder gar ein Restaurant, dann mache ich von der Karte mit dem blauen Punkt einen Screenshot. Und komme vielleicht zurück. Oder auch nicht. Keine Ahnung.

Mir ist nach Stöbern und Schnuppern zumute, nach Riechen und nach Lachen. Mit Menschen, was gefühlt nirgendwo einfacher ist als in Japan. In vier Tagen darf ich die Bubble verlassen. Hoffentlich. Ich will endlich was erleben. Frei und ungezwungen. Falls es mir nicht geht wie Thorsten Felske von der „Bild“, der an seinem Einreisetag einen „Erstkontakt“ mit einem Coronainfizierten hatte, dies an seinem zwölften Tag erfuhr und dann zwei Tage in Quarantäne ging. Seine Akkreditierung jedenfalls ließ er sich nirgendwo scannen, sie wäre eingezogen worden. Also blieb er schön brav im Hotel.

Wenn ich nicht aus dem Bus rausschaue, arbeite ich. Mails schreiben und abrufen, Zeitpläne durchstöbern, Tickets bestellen und stornieren, Interviews abhören und ins I-Pad tippen. Das W-LAN in den Bussen ist mittlerweile stabil. Ohne Smartphone geht hier gar nichts. Das kann ja alles. Außer Bügeln.

Regen peitscht an die Scheiben, als ich über die Regenbogenbrücke Richtung Budokan fahre. Links unten sehe ich endlich mal die Olympischen Ringe auf einem Ponton im Hafenbecken schwimmen. Ich weiß nicht, wie oft wir Sportredakteure diese Ringe abgedruckt haben in den letzten zwei Jahren, solange es fast kein anderes Motiv gab. Ankunft Budokan. Dort ging es schon 1964 olympisch zu. Judo feierte damals Premiere, 2021 hält zudem Karate Einzug ins Olympiaprogramm.

Beim Googeln über die Besonderheiten des Kampfsporttempels stoße ich auf das Konzert der Beatles am 30. Juni 1966. Es hatte für großes Aufsehen gesorgt, die Traditionalisten in Tokio fühlten sich beleidigt, es gab Morddrohungen gegen die Pilzköpfe, das Polizei-Aufgebot war riesig. Am Freitag ging’s drinnen vergleichsweise ruhig zu, der Budokan im feucht-dampfenden Kitanomaru-Park scheint immer, vor allem aber in diesen Tagen Hochsicherheitszone zu sein. Ein Heiligtum eben in einer grünen Oase. Ein Ort der Stille. Ich mache ein paar Fotos, versuche mit einer älteren Japanerin ins Gespräch zu kommen, die dort auf einem der um einen Tisch herum angeordneten Steinhocker sitzt, etwas knabbert und sich ausruht. Aber sie versteht kein Englisch. Und ich verstehe kein Japanisch. Wir lachen uns an, verbeugen uns.

Wenn Jonny Horne, der Lauterer Karatekämpfer, am nächsten Samstag um Olympiagold kämpft, versuche ich früher zu kommen, mehr Zeit mitzubringen und mich vielleicht mal gehen zu lassen. Ob ich dann die große Straße, die den Park im Stadtteil Chiyoda durchzieht, überqueren darf, in Richtung Kaiserpalast? Auf Japanisch heißt er Kokyo. Vielleicht gibt es ein Fahrrad? Vielleicht auch nur das „Ich-war-da“-Bild? Ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts von Tokio.

Auf der Rückfahrt Richtung Kanustrecke holte ich mir das Beatles-Konzert auf die Kopfhörer. Rock'n'Roll-Music, She’s a Woman, If I needed someone – so ging’s los. Die großen Hits waren noch gar nicht geschrieben.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
23.07.–08.08.2021 Olympische Sommerspiele 2020 Tokio (Japan)