Reportage: Das hatten sie sich anders vorgestellt: Alles Daumendrücken der Freunde und Fans der Herschberger Speerwerferin Christin Hussong half nichts. Platz neun statt Medaille in Tokio. Im„Budche“ in Herschberg schauten sie das Finale und waren nach der ersten Enttäuschung wieder stolz auf ihre Olympia-Teilnehmerin. Wenn sie nach Hause komme, werde sie wieder aufgebaut für das Ziel Olympische Spiele 2024 in Paris.

Herschberg. „Ich glaube, der war besser“, sagt Mike Dehaut. „Nee, wieder keine 60 Meter“, sagt Karolin Aulenbach. Das wird prompt bestätigt: 59,18 Meter. Zehn Meter und einen Zentimeter weiter hat Christin Hussong den Speer in diesem Jahr schon geworfen. Der Wurf ist noch schlechter als der erste Wurf, der den Fans von Hussong, die im „Budche“ in Herschberg das olympische Speerwurffinale verfolgen, schon keine Freudenschreie entlockte. 59,94 Meter weit war der Speer im Olympiastadion in Tokio da geflogen. Sie drücken ihrer Christin die Daumen, Freunde und Senioren aus Hussongs Heimatdorf. „Wer halt mittags um 14 Uhr Zeit hat und nicht arbeiten muss“, merkt Dominik Schefsky, der „Es Budche“am Herschberger Freizeitgelände betreibt, lachend an.

„Ich glaube, heute jubeln wir nicht“, orakelt Kurt Ehlenberg, mit 83 Jahren der Senior am Tisch. Sie ist natürlich da, die Hoffnung, dass der Knoten bei der 69-Meter-Werferin aufgeht. Alle am Tisch, die Christin seit vielen Jahren kennen, sehen, „dass es nicht gut aussieht“, sagt Vanessa Sprau, die als Jugend-Leichtathletin früher mit Christin Hussong beim TV Thaleischweiler aktiv war.

Die ARD hat zwischenzeitlich weggeblendet, 5000-Meter-Finale und Tischtennis sind zu sehen. Livestream via Internet ist am Budche nicht möglich. Kein Internetanschluss. Also Handys raus und im Liveticker und Livestream auf dem kleinen Bildschirm den Speerwurf weiter verfolgt. „Kurt, hast du nicht zusammen mit dem Udo das Budchen gebaut?“, fragt Schefsky Ehlenberger. Udo, das ist Udo Hussong. Papa und Trainer der Speerwerferin. „Ja, der Udo hat hier Wasser und Strom gemacht“, erzählt Ehlenberg und ergänzt, „und jetzt hockt er bei der Kreisverwaltung“. „Nee, jetzt hockt er in Tokio“, stellt Marcel Lenhard lachend fest. Und ist dort fast genau so ratlos wie die Fans in Herschberg.

Im TV läuft Tischtennis. „Das war es“, entfährt es Aulenbach. Sie zeigt auf ihr Handy. Dritter Wurf, nur 59,61 Meter. „Und sie hat als Zweite geworfen“, ergänzt Aulenbach. Die Fans ahnen, dass es nur mit Glück für die Würfe vier, fünf und sechs reichen wird. Und das Glück ist nicht auf Hussongs Seite. Nur die besten acht qualifizieren sich für die abschließenden drei Würfe. Da wirft noch eine weiter, prophezeien sie und schon vermeldet Aulenbach: „Aus, vorbei!“ Die Türkin Eda Tugsuz hat 62,13 Meter weit geworfen. Hussong rutscht auf Rang neun. Zwei Zentimeter fehlen zu Platz acht. Nun ist die Stimmung so trüb wie das Wetter an diesem verregneten Augusttag in Herschberg.

Die ARD liefert die Bilder zum Ausscheiden der Athletin des LAZ Zweibrücken nach. Viel zu steil angestellt, wird gefachsimpelt.

Die Fans leiden stark mit, als die Fernsehbilder eine völlig enttäuschte Christin Hussong zeigen. „So ist Sport“, stellen Jan Maurer und Cedric Salzmann fest. Durch ihren 69-Meter-Wurf „sind die Erwartungen natürlich gestiegen“, kann Vanessa Sprau nachfühlen, dass enormer Druck auf der Freundin lastete. Die stellt sich derweil dem Fernsehinterview. Erklärungen für ihre Leistungen hat sie ebenso wenig wie ihre Freunde zu Hause. Als sie selbstkritisch feststellt, dass es jemand, der technisch so unsauber werfe, nicht verdient habe, ins Finale zu kommen, nickt Reiner Schwab und sagt: „Stimmt. Sie kann es viel besser.“

Aulenbach schickt via Whatsapp tröstende Worte an die Freundin in Japan. „Klar bauen wir sie wieder auf“, versprechen alle. Sofern das nötig sein wird. Denn Herschberger sind Optimisten. Beweist sich sofort. „Welches Dorf hat schon so viele Olympiateilnehmer wie Herschberg?“, fragen sie. Darauf könne man stolz sein. Hussong ist bereits zum zweiten Mal bei Olympia. Im Jahr 2000 gewann der Herschberger Martin Horn Bronze mit der 4x100-Meter-Staffel bei den Paralympics in Sidney, erinnern sie.

„Und sie ist noch jung, gerade in dieser Sportart ist noch viel möglich“, prophezeien Aulenbach und Sprau. Olympia 2024 in Paris heißt das Ziel. Dann werden im „Budche“ wieder die Daumen gedrückt.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
26.07.–11.08.2024 Olympische Sommerspiele 2024 Paris (Frankreich)
23.07.–08.08.2021 Olympische Sommerspiele 2020 Tokio (Japan)