Es ist Sonntag. Dort, wo ich wohne, pulsiert plötzlich das Leben. Vielleicht, weil der Bahnhof Kamata Menschen frisst. Sie sind durchaus fein rausgeputzt, die Männer mit Krawatten, was man bei uns immer weniger sieht, die Frauen im Kleidchen oder langen Rock. Schön. Ich weiß nicht, wohin sie ziehen. Raus aus der Stadt. Den Fuji könnte man heute sehen. Der Himmel ist blau.

Sonntags gehe ich oft in den Wald. Mit Freunden. Zum Eckkopf oder zur Rietburg. Eine Rieslingschorle geht immer, dann muss ich routiniert zur Arbeit. Seit 32 Jahren.

Ich hatte Naoko Fukuda, bisschen jünger als ich, 60, glaube ich, vor vier Wochen in München getroffen, wo sie schon lange lebt, eine Japanerin, Journalistin und Autorin, eine Freundin meiner Kollegin Anne von Ehr aus der Politikredaktion. Überaus zuvorkommend, aber eher schüchtern, vielleicht ängstlich. Sie bat darum, sich nur im Freien zu treffen und mit Abstand. Wir saßen vor dem Nymphenburger Schloss. Sie sollte mich auf Japan und die Menschen dort einstimmen und sagte mir, Kamata sei „Downdown von Downdown“, lachte dabei verlegen laut. Es läge im schlechtesten der 23 Bezirke, in Ota-ku. Ob ich mir Sorgen mache müsse, fragte ich, nein sagte sie, in Japan passiere nichts.

Also gut. Mein Hotel, das ich zugewiesen bekam, nix booking.com oder airbnb, ist okay. Drei Sterne, heißt es. Ich denke, es sind nur zwei, aber es hat eine Mikrowelle, in der man Family-Mat-Food heiß machen kann, denn das Restaurant ist geschlossen. Was eh egal ist, denn ich habe ja gar keine Zeit für Restaurants. Dass die Nacht nur 97 US-Dollar kostet, ach, auch das amüsierte Naoko köstlich. Hat bestimmt Minizimmer, ahnte sie. Das Zimmer ist 14 Weinflaschen lang und acht breit. Bei einer Flaschenhöhe von 33 Zentimetern macht das zwölf Quadratmeter. Richtig? Ich habe zwei Flaschen Forster Kirchenstück dabei. Nicht zum Messen, zum Trinken. Beste Lage. Wenn schon, denn schon. Klar doch! Diagonal quergelegt passen sie ins Kühlschränkchen.

Eine ist von Bernhard Kunz, die andere von Winne Doll, seinem Halbbruder. Sagen sie über sich, stimmt aber nicht. Winne gab mir ein Briefchen mit. Die Goldmedaille, die der Wein bekam, könnte mir eine Brücke sein, schrieb er. Entweder wir haben noch keine, dann bist du der Erste, oder wir haben schon viele, dann reihst du dich ein. Mit „wir“ meinte Winne nicht mich und sich, sondern die Mannschaft. Bin eigens zu den Bogenschützinnen rausgefahren, in der Hoffnung, mich einreihen zu können. Dann schoss Lisa Unruh eine zwei ...

Und mein Kumpel? Sie wissen schon, Kunz und Kulle, das Olympia-Pärchen der RHEINPFALZ. Bernhard fehlt mir. Mit ihm könnte man das Hotel auf vier Sterne upgraden. Immer lustig, immer motivierend. So liegt er jetzt auf Sylt, und ich schlafe nur fünf, sechs Stunden, bleibe eine halbe Stunde am wirklich guten Frühstücksbüffet – und mache mich immer auf zum Sportstätten-Hopping. Jeden Tag. Bis tief in die Nacht. Zurückgekommen lungern die Kollegen im Hotel, Italiener, Franzosen, Finnen, ich bin offenbar der einzige Deutsche. Sie essen und trinken, feiern und laden mich ein. Nein danke, winke ich ab (Ich trage doch nicht den ganzen Tag Maske und setze dann alles auf eine Karte). Ich hab meinen eigenen Wein dabei. Hält halt nicht lange, aber für die erste Bronzemedaille hat’s gereicht.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
23.07.–08.08.2021 Olympische Sommerspiele 2020 Tokio (Japan)