Den Sonnenaufgang hatte ich definitiv verpennt. Aber als ich um 5.30 Uhr aufwachte, war wenigstens der Jetlag in meinen Träumen und in der angenehm harten Matratze versunken, und es fühlte sich an, wie bei uns in der Pfalz um 12 Uhr mittags. Beim Blick aus dem siebten Stock kein Mensch und keine Maus unterwegs zwischen Barbier und Bar Club, beides derzeit tagsüber wie nachts verriegelt. Sie wissen schon, Pandemie und so.

Aus dem 24-Stunden-Family-Mart eilen ein paar junge agile Menschen mit Croissants und einem Becher Cappuccino in der Hand und mit dünnen langen Säcken wie Skihüllen auf dem Rücken sowie einem wasserdichten Köfferchen auf Rädern.

Es ist sechs Uhr morgens. Sie treffen sich an einer Bus-Station, und ich frage sie, wohin des Wegs. „Wir gehen angeln in Shinjuku-ku“. Ach so, stimmt ja, Japaner sind verrückte Angelfanatiker. Nur für die Aufnahme ins Olympische Programm hat’s nicht gereicht. Karate war dann doch noch mal attraktiver als Sportangeln, zumindest für die Fernsehbilder.

25 Busminuten im Linksverkehr, es ist jetzt acht Uhr, dauerte meine Fahrt. Durch ein wie ein großes leeres Dorf anmutendes Tokio vom Hotel ins Hauptpressezentrum MPC, was für Main Press Center steht, der vermeintliche Dreh- und Angelpunkt (ohne Wasser und Karpfen) in den kommenden 16 Tagen. Wirklich fast leere Straßen, wie sonntags bei uns, nur hier und da ein paar sich stretchende Fußgänger an roten Ampeln.

Aber es ist der Donnerstag vor der Eröffnungsfeier, der Tag der Orientierung, der Tag, an dem Wege ausgekundschaftet werden (müssen). Vielleicht das Beste: Ute Maag, die Geschäftsführerin des Verbandes Deutscher Sportjournalisten, sie lebt in „Monnem“, wohnte aber auch mal ein paar Monate bei mir um die Eck in „Oggerschem“, überreicht mir fast feierlich mein Ticket für die Eröffnungsfeier. Wie sie ohne Zuschauer werden wird, weiß ich, anders als viele andere, erst hinterher zu sagen. Ute ist die gute Seele von uns Journalisten, schon ein paar Tage hier, und gibt letzte wichtige Tipps beim Ausfüllen von Formularen und Herunterladen von Apps.

Das MPC – ein schmucker moderner Riesenklotz, auch innen großzügig, sauber an den Arbeitstischen und in den Toiletten. Um 13 Uhr setzen wir zur Pressekonferenz mit dem deutschen Fahnenträger-Duo ins olympische Dorf über, was Zeit frisst. Die Fehlbuchung des Raumes ist ärgerlich, nach drei Stunden sind wir zurück. Mit dem Blick auf die Uhr noch ärgerlicher ist das WLAN im MPC, deutlich zu schwach für die Meute der Journalisten. Wilhelm Busch sagte ja mal: „Gedanken sind nicht stets parat. Man schreibt auch, wenn man keine hat.“

Journalisten wissen, was Busch meinte. Aber der Humorist, vor bald 200 Jahren geboren, schrieb noch mit Feder und Tusche. Notebooks kannte er nicht, folglich auch nicht, wie Gedanken störend es ist, wenn getippte Buchstaben verzögert auf dem Bildschirm aufploppen. Zum Mäusemelken war das. Die japanischen Jungs haben flugs WLAN nachgerüstet, aber in einem anderen Punkt unterschätzten sie uns Journalisten. Die Kaffeebecher waren aus, und das schon um 16.30 Uhr.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
23.07.–08.08.2021 Olympische Sommerspiele 2020 Tokio (Japan)