Christin Hussong will’s in diesem Jahr trotz der zweiten Corona-Saison hintereinander wissen: Die Speerwerferin des LAZ Zweibrücken peilt im Sommer in Tokio ganz klar eine olympische Medaille an. Wie die Herschbergerin gerade ihr Trainingslager in der Türkei in Corona-Zeiten erlebt hat, wie es mit ihrem Studium weitergeht und wie lange sie noch werfen will, verrät sie der RHEINPFALZ.

Zweibrücken/Herschberg. Sie ist nach 14 Tagen einfach froh, wieder zu Hause zu sein, trotz eines wirklich guten Trainingslagers im türkischen Belek. „So sehr ich es auch schätze, mit Sportlerkollegen in einem guten Hotel zusammen zu sein“, sagt sie. Daheim, das ist für die bodenständige Christin Hussong immer noch Herschberg, bei ihrem Freund Richard Gessner, der Familie und Familienhund „Benny“. Gerade ist sie, wie häufig, von einem langen Spaziergang mit dem achtjährigen Golden Retriever zurückgekommen. „Ich hätte früher nie gedacht, dass ein Hund einen so sehr entspannen kann“, meint sie dazu. Der gehört schon seit seiner Welpenzeit zur Familie, Christin Hussongs Mama Gabi hat die Haupt-Erziehungsarbeit übernommen. „Benny hat sich auch riesig gefreut, dass ich wieder da bin“, sagt die Speerwerferin des LAZ Zweibrücken, die just im Trainingslager ihren 27. Geburtstag gefeiert hat.

Sieben Tests in 14 Tagen

Froh war sie schon, als sie in der angespannten Corona-Lage am vergangenen Mittwoch wieder zurück in Frankfurt war – im nächsten verlängerten Lockdown. „Es war beruhigend, als wir alle wieder sicher gelandet waren“, meint sie mit Blick auf sich und die deutschen Diskuswerfer und Mehrkämpfer, die mit den Speerwerfern in der Türkei waren. Da wurden Erinnerungen wach ans Vorjahr, als die Pandemie gerade nach Europa schwappte – und unklar war, ob man aus Belek noch ganz normal zurück nach Deutschland fliegen kann. Siebenmal ist sie in den vergangenen 14 Tagen auf Corona getestet worden, Gott sei Dank immer negativ. Hussong, deren Mutter Gabi auf dem Pirmasenser Gesundheitsamt arbeitet, beschäftigt die Krise schon. „Das nervt einfach jeden langsam“, sagt sie zu den notwendigen Einschränkungen. „Ich bin aber wirklich froh, dass meine Omas und mein Opa schon die zweite Impfung hinter sich haben.“

In Belek, auf der Anlage der Gloria Sports Arena, hat sie sich sehr sicher gefühlt. „Das Hygienekonzept des Deutschen Leichtathletik-Verbandes war sehr, sehr eng gefasst. Wir durften die Anlage nicht verlassen“, erzählt sie. Ein Strandbesuch oder mal ein bisschen Shoppen gehen war also für die immer noch amtierende Europameisterin von 2018 nicht drin. „Speerwurf ist mein Beruf. Ich bin sehr, sehr dankbar, dass ich das auch in der Krise weiter machen darf“, meint sie dazu bescheiden und würde sich für alle Amateursportler wie ihren Freund als Fußballer des TuS Maßweiler und die Mitglieder in ihrem Zweibrücker Verein freuen, wenn auch sie halbwegs normal trainieren können. „Hier war es ganz angenehm, mal nur im Hotel zu bleiben und seine Ruhe zu haben. Es hat uns ja an nichts gefehlt“, meint sie.

Körperposition geändert

Und schließlich „waren wir ja dort, um zu trainieren“. Wir, das waren wie immer Christin Hussong und ihr Papa und Trainer Udo. Zweimal Training pro Tag stand auf dem Programm, dazu kamen die Physiotherapie und die Ruhephasen. In der letzten Einheit hat sie zusammen mit Johannes Vetter trainiert, dem Weltmeister von 2017 und deutschen Rekordhalter (97,76 Meter). Bereits zur Halbzeit des Trainingslagers hatte sie vermeldet, dass es gut läuft. Wie lautet das Fazit? „Wir sind sehr zufrieden, auch die zweite Woche war super“, sagt Hussong, und man kann sich das dazu gehörende Grinsen am anderen Ende der Telefonleitung genau vorstellen. Genaue Weiten gibt sie aber nicht preis.

In Belek lag das Hauptaugenmerk des Vater-Tochter-Duos nach den Krafteinheiten im Winter auf dem Werfen. „Und wir haben auch was an der Technik geändert, wo wir schon lange dachten, das könnten wir mal machen“, erläutert Christin Hussong. Das sei gar nicht so gravierend gewesen, ein bisschen was an der Oberkörperposition. „Ich bin jetzt aufrechter und kann meinen Größenvorteil beim Wurf so besser ausspielen, so dass alles an der Bewegung schneller und effektiver wird“, sagt sie. Die Rückmeldung dazu, auch von anderen Trainern, sei positiv gewesen.

Studieren im Trainingslager

Sie hat eine wichtige zweite Corona-Saison vor sich, nachdem im vergangenen Jahr die Europameisterschaft ersatzlos gestrichen und die Olympischen Spiele in Tokio (jetzt 23. Juli bis 8. August 2021) um ein Jahr verschoben wurden. Die Saison wird aber wohl ähnlich ungewiss wie die im Jahr 2020. „Ab dem 1. Mai ist für zehn Tage noch mal ein Trainingslager in Belek geplant. Keine Ahnung, ob das dann stattfinden kann. Wer weiß denn jetzt schon, was in zwei Monaten ist?“, fragt sich Hussong selbst. Mitte Mai würde sie gerne in die Wettkämpfe einsteigen, Ende Mai im tschechischen Ostrava werfen, und im Juni stehen für die viermalige DM-Titelträgerin dann schon die deutschen Meisterschaften in Braunschweig an. Und ein paar andere Meetings hat sie natürlich auch schon auf dem Zettel.

Durch das leicht sportliche Ausgebremstsein in der Corona-Krise hat die Studentin des Gesundheitsmanagements in Saarbrücken im vergangenen Jahr nach ihrem Bachelor-Abschluss diverse Fortbildungen gemacht und sofort mit dem Master begonnen. Da hat sie nun schon wieder zwei Semester hinter sich. „Das ist immer eine gute Ablenkung vom Sport“, findet sie und hatte auch jetzt in Belek Studienmaterial dabei, um an ihrer Hausarbeit rund ums Thema Herzinfarkt weiterzuschreiben. Die Unterstützung der Uni für ihren Sport sei toll. Ihr fehle jetzt noch ein Semester, dann könne sie bereits mit ihrer Master-Arbeit beginnen.

Und der große „Master-Plan“ für den Sport und das weitere Leben, wie sieht der aus? „Also, Olympia 2024 in Paris und 2028 in Los Angeles sind zwei schöne Ziele. Bis dahin will ich schon werfen, wenn die Lust dazu da ist.“ Und danach? „Keine Ahnung. Wenn Olympia 2032 in eine tolle Stadt kommt, wer weiß?“ So lange sie noch Spaß am Werfen habe und die Motivation stimme, sich im Training zu quälen, könne sich gut vorstellen, weiterzumachen. „Ich bin ja Gott sei Dank auch mit einem tollen Körper für den Sport gesegnet, auch dank meines Papas, der mich behutsam aufgebaut hat.“

Die Traummarke 70 Meter

Für die im Sommer anstehenden Olympischen Spiele in Tokio hat sie klare Zielvorstellungen. „Wenn ich zurückkomme, hätte ich schon gerne was um den Hals“, spielt Hussong, deren Bestmarke bei 67,90 Meter liegt, auf eine durchaus mögliche Medaille an. Ob das klappe, könne man aber nie genau sagen, das habe sie ja zuletzt bei der Weltmeisterschaft 2019 in Katar als Vierte schmerzlich erleben müssen. Hussongs Chancen stehen allerdings nicht schlecht: Sie ist in der Weltrangliste derzeit Dritte (1370 Punkte) hinter der Australierin Kelsey-Lee Barber (1397) und der Chinesin Huihui Lyu (1379).

„Wenn es bei Olympia noch mit einem 70-Meter-Wurf klappen würde, wäre es natürlich perfekt“, meint sie lachend. Die 70 Meter sind immer noch eine Traummarke, die sie in ihrer Karriere gerne einmal übertreffen würde. Bisher haben das mit dem neuen Speer erst vier Frauen überhaupt geschafft: die Tschechin Barbora Špotáková (72,28 Meter), die Kubanerin Oliseilys Menéndez (71,70), die Russin Mariya Abakumova (70,53) und mit Christina Obergföll (70,20) nur eine Deutsche.

Gegen Corona wäre sie schon gerne geimpft, wenn sie dann schließlich ins Flugzeug nach Tokio steigt. „Ich glaube, die meisten Athleten wären froh, wenn es so wäre. Zwischendurch dachte ich schon, es könnte zeitlich klappen für mich mit einer Impfung. Jetzt heißt es doch wohl erst mal abwarten“, meint sie angesichts der schleppend angelaufenen Impfungen in Deutschland.

Was Nettes um den Hals: Das hätte Speerwerferin Christin Hussong (hier in der Mitte bei der Siegerehrung der Europameisterschaft 2018, links Nikola Ogrodnikova aus Tschechien und rechts Liveta Jasiunaite aus Litauen) auch nach den Olympischen Spielen 2021 in Tokio unheimlich gerne.
Was Nettes um den Hals: Das hätte Speerwerferin Christin Hussong (hier in der Mitte bei der Siegerehrung der Europameisterschaft 2018, links Nikola Ogrodnikova aus Tschechien und rechts Liveta Jasiunaite aus Litauen) auch nach den Olympischen Spielen 2021 in Tokio unheimlich gerne. (Foto: dpa)

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
24.07.–09.08.2020 Olympische Sommerspiele 2020 Tokio (Japan)
05.–06.06.2021 Deutsche Meisterschaften 2021 Braunschweig (Deutschland)