Ich dachte echt, ich könnte mein Leben lang auf einen Regenschirm verzichten, dann drohte „Nepartak“, jetzt hab ich zwei. Einen für 715 Yen (5,50 Euro), den jeder Japaner trägt, einen sofort einsatzbereiten Supermarkt-Notschirm, weiß/transparent, den es mit dem ersten Windstoß gleich umgeschlagen hat. Und einen Taschenschirm mit „Tokyo2020“-Emblem für 2750 Yen, den es im Olympia-Souvenirladen nebst ziemlich vielem Plunder gibt. Schlagartig war mir klar, weshalb das IOC den Namen Tokyo2020 (auch) beibehielt: Das Zeugs war schon längst produziert. Mal sehen, was bis zum Ende der Spiele alles in meinem Koffer landet. Einen Aluminiumbecher für 770 Yen gönnte ich mir gestern schon. Es ist mein winzig kleiner Beitrag zum Umweltschutz, natürlich im Wissen, die Welt damit nicht retten zu können. Es ist unfassbar, wie viele Pappbecher, Plastikflaschen und dergleichen in diesen olympischen Tagen in den Müll fliegen.

Jedenfalls war ich um 6 Uhr morgens trotz Supersprints in der einen Minute vom Hotel zum Bus pitschepatschenass geworden. Womit die Frage des Kollegen Michael Wilkening beantwortet war, weshalb ich gleich am ersten Tag in meinem MPC-Spind Badelatschen, ein Handtuch und ein T-Shirt deponiert hatte. Reine Überlebensstrategie, denn wer sich mit nassen Klamotten in die runtergekühlten Räume setzt, hat verloren.

Der Taifun „Nepartak“ klatschte die Wassermassen schon nachts um drei ans Fenster, ich ahnte, was auf uns zukommen könnte, dann aber sagte mir Takashi Nakamura nach dem Triathlon, der Taifun drehe ab und werde nördlich der Hauptstadt an Land gehen. Am Nachmittag ballerte die Sonne vom blauen Himmel, 34 statt der 24 Grad morgens, ich wusste nicht, was mir lieber ist – nasse Gesichtsmaske vom Regen oder nasse Maske vom Schwitzen? Jedenfalls gehen mir die Dinger mächtig auf den Zeiger.

Takashi arbeitet für das Tourismusbüro, das Journalisten Stadtrundfahrten anbietet. Für diejenigen, die Zeit haben. Aber vielleicht sollte ich mir einfach mal Zeit nehmen. Für den 3., 5. und 7. August wird morgens die Tour zum Skytree angeboten. Klingt reizvoll, schaun mer mal. Takashi versuchte jedenfalls, die erleichternden Wetternachrichten aus seinem Tablet an das weiße Board seines Büros abzumalen. Schon lustig und verrückt.

Ich habe es tatsächlich geschafft, erstmals das japanische Restaurant im MPC auszuprobieren, nachdem die Sache mit dem Burger und der Pizza eigentlich keine gute Idee gewesen war. Denn nun sind auch die Warteschlangen Geschichte. Ich nahm mir Zeit für mein wirklich erstes richtiges Essen, denn diese Dreiecks-Weißbrote, wahlweise mit Ei, Käse oder Thunfisch kann ich nicht mal mehr sehen, geschweige denn essen. Die Speisekarte hatte ich mit dem Kameraübersetzer von Google gescannt und mich beim ersten Mal für Thunfisch auf Reis gegen Garnelen entschieden. Echt lecker. Das Wichtigste aber war: runterkommen, mal kurz genießen.

Es ist ja nicht so, dass alle Restaurants in der Stadt geschlossen hätten, nein. Aber ich darf in den ersten 14 Tagen meines Aufenthalts einfach den vorgegebenen Weg nicht verlassen, werde GPS-überwacht, was mich, mal abgesehen vom verschwindend geringen Erlebnispotenzial, aber nicht stört. Ich weiß ja, weshalb das so ist – Ansteckungsgefahr! Solange das Fieberthermometer an jedem Eingang (vermutlich eine kleine Wärmebildkamera) zu einer Sportstätte oder zum MPC nicht ausschlägt, bin ich eh gesund. Egal, wie ich mich fühle.

Außerdem: Es ist alles ziemlich easy hier, echt jetzt. Total entspannt. Noch nie (!) wurden wir Journalisten so großzügig, fast lasch „gefilzt“. Offenbar haben die Japaner ein gesundes Menschenvertrauen. Wird schon kein Journalist einen Anschlag planen.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
23.07.–08.08.2021 Olympische Sommerspiele 2020 Tokio (Japan)