Christin Hussong, Speerwerferin vom LAZ Zweibrücken, reist am Samstag ins Trainingslager. Bei Olympia verfolgt sie ein hohes Ziel. Kann Sie dieses verwirklichen?

Zweibrücken. Vom österreichischen Schriftsteller Franz Werfel ist ein Satz überliefert, der immer dann Gültigkeit besitzt, wenn es um etwas geht. Immer dann, wenn etwas ansteht, das bedeutend ist. Vielleicht sogar einmalig. Werfel sagte einst: „Zwischen zu früh und zu spät liegt immer nur ein Augenblick.“ Eine Äußerung, die aufgrund ihres Alters von über 100 Jahren zwar ein wenig verstaubt wirken mag, und doch aktueller ist denn je: Nun während der Olympischen Spielen in Tokio (23. Juli bis 8. August) – bei denen es für alle Athleten ja genau darauf ankommt. Abzuliefern. Nicht zu früh, nicht zu spät. Heute, jetzt. In diesem einen Moment.

Auf das richtige Timing hofft auch die Speerwerferin Christin Hussong. Natürlich. Jene Frau, die für den LAZ Zweibrücken an den Start geht und in Tokio als Medaillenhoffnung gilt. Hussong, 27 Jahre alt, wohnhaft in Herschberg, hat das bislang stärkste Jahr ihrer Karriere hinter sich. Acht von zehn Wettkämpfen gewann sie, sechs der acht weitesten Würfe stammen von ihr. In Chorzów, Polen, verfehlte sie nur knapp die 70er-Marke, als sie 69,19 aus ihrem rechten Arm schleuderte. Die 70 Meter – eine Art Schallmauer bei den Frauen.

Nun also Olympia, die zweiten nach Rio 2016, wo sie Zwölfte wurde. Es ist für Hussong der große Höhepunkt nach all den kleinen zuvor im Jahr 2021. „Die Vorfreude ist natürlich sehr groß – ich habe so lange auf das Turnier hintrainiert. Hingearbeitet“, sagt die 27-Jährige. Anfang August geht Hussong an den Start. Zunächst in der Qualifikation am 2. August – und einen Tag später hoffentlich auch im Finale. Dann, wenn es um die Medaillen geht. „Die Quali nehme ich sicherlich nicht auf die leichte Schulter“, sagt Hussong. Sie erinnert sich noch heute nur zu gut an das Ausscheiden bei der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2016. „Mein bis heute bitterster Moment.“

Doch Hussong blickt viel lieber nach vorne. Hofft auf einen weiteren schönen Moment. Auf einen für die Ewigkeit. Die 27-Jährige traut sich beim internationalen Großereignis so einiges zu. Ihr Ziel formuliert sie klar und deutlich. Es lautet: „Ich will eine Medaille.“ Am liebsten natürlich eine goldene. Doch die Konkurrenz ist groß. So konkurriert Hussong etwa mit der Polin Maria Andrejczyk um die ersten drei Plätze. Andrejczyk hatte Ende Mai 71,40 Meter geworfen. Bei den Frauen die drittbeste Weite der Geschichte.

Keine einfache Mission also, die für Hussong bereits am Samstag, 24. Juli, beginnt. Denn dann steigt die Studentin in den Flieger – von Frankfurt am Main geht’s für sie nach Miyazaki ins Trainingslager. Die letzten intensiven, konzentrierten Trainingsstunden „nach einer harten Vorbereitung“, wie sie sagt. Feinschliffarbeit auf der Zielgeraden sozusagen. Danach reist Hussong Richtung Tokio. Dort ins Teamhotel der deutschen Athleten.

Ob ihr aufgrund der harten Corona-Einschränkungen in der Unterkunft womöglich die sprichwörtliche Decke auf den Kopf fallen wird? „Nein“, ist sich Hussong sicher – denn: „Auch bei anderen Turnieren hat man kaum etwas zu tun.“ Und ein zeitvertreibendes Sightseeing durch die 14-Millionen-Metropole hätte sie sowieso nicht eingeplant. Auch ohne Corona nicht.

Bei Olympia geht es Hussong nämlich nur um eines – um Olympia. Den Wettkampf. Deshalb wolle sie die Zeit für sich nutzen. Sich ausruhen. Sich ganz auf das Speerwerfen konzentrieren. Und falls ihr dann doch langweilig werde oder sie Ablenkung brauche, „habe ich ein paar Filme und Spiele im Gepäck“.

Ganz alleine vor Ort ist sie ja sowieso nicht. Neben den Olympioniken im Hotel ist selbstverständlich auch Udo Hussong dabei: ihr Vater, Trainer, Mentor. „Er ist natürlich sehr nervös, auch wenn er es gut verstecken kann“, sagt die Tochter mit einem Lachen.

Und sie – hat sie womöglich selbst auch ein wenig Lampenfieber? Wenige Tage vor dem größten Turnier ihrer Karriere? Ein wenig nervös sei sie zwar schon, sagt Hussong. Natürlich. „Aber nicht im negativen Sinne. Ich brauche das.“ Die Vorfreude sei größer.

Was nach dieser famosen Saison nur logisch ist. Trotz der kleinen Leistungsdelle im vergangenen Monat, als sie im Juni “nur“ eine Weite von maximal 63,64 Meter warf. Für die Ansprüche von Hussong sicherlich zu wenig. Und sehr wahrscheinlich auch für die Konkurrenz beim Olympischen Turnier. Doch die 27-Jährige bleibt ihrem Naturell treu: cool, selbstbewusst, entspannt. Sie weiß um ihre Stärken. Zugleich ist sie sich eben darüber im Klaren, dass „wir Sportler keine Maschinen sind: Da unterlaufen einem eben auch Fehler“. Gemeinsam mit ihrem Vater wolle sie im Trainingslager an den „zwei, drei kleinen technischen Details“ arbeiten, an denen es noch ein wenig hapere. „Wir wissen, woran es liegt“, sagt Hussong. Und beruhigt sich damit wohl auch ein wenig selbst.

Die Zeit in Miyazaki will die Spitzensportlerin außerdem dafür nutzen, sich an die hohen Temperaturen zu gewöhnen. Denn in Japan steigt das Thermometer bereits in den frühen Morgenstunden auf über 30 Grad an. Anders als in Zweibrücken also, „meiner Trainingsheimat“.

Dass im Stadion wegen fehlender Zuschauer eine laute Stille herrschen wird, ist für Hussong hingegen nichts Ungewohntes. „Wir Athleten kennen das von vielen Turnieren.“ Es sei zwar schade, dass aufgrund der Pandemie kaum Menschen im weiten Rund sein werden – doch „Olympia alleine motiviert mich schon genug“, lässt sich Hussong auch davon nicht beeinflussen. „Ich bin sowieso keine, die mit den Zuschauern agiert und Anfeuerungen braucht.“

Viel trauriger mache sie hingegen, dass wegen der Beschränkungen ihre Mutter nicht dabei sein kann. „Das ist echt sehr schade. Doch sie wird sich den Auftritt natürlich am Fernsehen anschauen“, sagt Hussong.

Im heimischen Herschberg hofft die sowieso schon stolze Mutter dann natürlich darauf, dass ihre Tochter diesen einen Augenblick zwischen zu früh und zu spät erwischt – und sich damit ihren Traum von einer Olympia-Medaille erfüllt.

Speerwerferin Christin Hussong vom LAZ Zweibrücken hat sich für Olympischen Spiele in Tokio so einiges vorgenommen: Sie will mit einer Medaille nach Zweibrücken zurückkehren.
Speerwerferin Christin Hussong vom LAZ Zweibrücken hat sich für Olympischen Spiele in Tokio so einiges vorgenommen: Sie will mit einer Medaille nach Zweibrücken zurückkehren. (Foto: Martin Wittenmeier)

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
23.07.–08.08.2021 Olympische Sommerspiele 2020 Tokio (Japan)