Leichtathletik: Mit großen Ambitionen war Christin Hussong nach Tokio gereist. Die Europameisterin zählte zu den Favoritinnen, aber ihr Speer wollte gestern nicht weit fliegen. Nicht mal über die 60-Meter-Marke. Nach 90 zähen Minuten verließ sie wieder das Stadion – als Neunte, tief enttäuscht.

Um 20 Uhr Ortszeit waren die Speerwerferinnen ins Stadion gekommen, Christin Hussong, die 27 Jahre alte Speerwerferin aus Herschberg, bereits vor zehn Jahren Jugend-Weltmeisterin, machte einen entspannten Eindruck, wie bei der Präsentation über die Stadionvideowände zu sehen war – nettes Lächeln, hochkonzentriert. Das Einwerfen war wie immer gut.

Ihr erster Versuch blieb indes unter 60 Metern: 59,94 Meter, damit lag sie auf dem achten Platz unter zwölf Teilnehmerinnen. Ein Fingerzeig? Vorne weg die Chinesin Liu Shiying (27), die WM-Zweite von Doha, die mit 66,34 Metern Saisonbestleistung warf. Hussongs zweiter Speer landete bei 59,18 Metern, es flutschte nicht. Wirklich nicht. Unruhig lief sie auf und ab, gedankenverloren, die Arme in der Hüfte. Geht da noch was? 59,61 Meter der dritte Versuch! Das 600 Gramm schwere Wurfgerät wollte nicht weit fliegen, Christin merkte das schon, als der Speer noch durch die Luft surrte. Udo Hussong, ihr Vater und Trainer, schüttelte auf der Tribüne zaghaft und ungläubig den Kopf. Die Europameisterin musste bangen, ob sie überhaupt den Endkampf erreichen wird.

Nicht schon wieder scheitern. Schon in Rio war das Finale enttäuschend für sie verlaufen, 12. Platz beim Olympiadebüt damals, weit unter ihrem Niveau. Und dann hatte dieses Zittern auch schon ein Ende, es drehte sich in tiefe Enttäuschung. Aus und vorbei, als die Türkin Eda Tugsuz nach zwei ungültigen Versuchen auf 62,13 Meter kam und Hussong zum Zuschauen verurteilte. Zwei Zentimeter fehlten ihr zum Finaleinzug. Aber das spielte jetzt keine Rolle mehr.

Sie zog ihre Spikes aus, saß konsterniert auf dem Boden und stierte hinaus aufs Feld, ein kurzes Gespräch mit dem Trainer, Achselzucken. Was war nur los? „Es war der schlechteste Wettkampf in dieser Saison, und das im Olympiafinale. Ich habe es mir anders vorgestellt, es war halt technisch schlecht, richtig schlecht. Körperlich fühlte ich mich top, das gute Einwerfen konnte ich im Stadion nicht umsetzen“, sagte Hussong. Sie stellte sich aufrichtig den Fragen der Journalisten, aber es fiel ihr schwer zu antworten. Verständlicherweise. Sie konnte nicht genau sagen, woran es lag, konnte es auch im Wettkampf nicht mehr korrigieren. Nicht im zweiten, nicht im dritten Versuch. „Man probiert es ja. Vielleicht war ich durch die Bahn zu schnell, am Stemmen wie bei JoJo Vetter liegt es bei mir nicht“, sagte sie. Sie wird am Samstag ins Stadion zurückkehren, um ihm und Julian Weber die Daumen zu drücken.

Es war die Höchststrafe für die Europameisterin, die Mitte Mai wunderbare Würfe über 65, 66 Meer hingelegt, mit 69,19 Metern sogar eine grandiose Bestleistung aufgestellt hatte. „Wenn man als Zweite der Welt anreist und als Neunte rausfliegt, logisch, dass man da enttäuscht ist, keine Diskussion. Es ist, wie es ist. Es gehört im Sport dazu, man muss Niederlagen einstecken können, um stärker wieder herauszukommen.“ Sie wollte nicht mehr im Stadion bleiben: „Ich hatte keine Lust mehr dazu, als Außenstehender dabei zu sitzen und zuzuschauen“. Die Versuche, die den Wettbewerb entschieden, hatte sie ja gesehen. Liu siegte nämlich mit ihrem ersten Versuch auf 66,34 Metern vor der Jahresbesten Maria Andrejczyk aus Polen, die die 64,61 Meter im zweiten Versuch brachte. Lediglich Kelsey-Lee Barber, die Weltmeisterin, packte den Bronze-Speer im letzten Versuch aus.

„Ich bin ganz froh, dass Papa dabei ist, dann können oder müssen wir jetzt mal Tochter und Papa sein. Und nicht Trainer und Athletin“, sagte eine traurige Christin Hussong.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
23.07.–08.08.2021 Olympische Sommerspiele 2020 Tokio (Japan)