Am Donnerstag gab’s gegrillten Kullmann zu Mittag, nachdem schon das Frühstück ausgefallen war. Dazu drei bis vier Liter Wasser, obwohl ich auf den Harndrang gerne verzichtet hätte. Zwar sind die Toiletten immer weit entlegen, in puncto Sauberkeit bekommen sie von mir aber fünf von fünf Sternen.

Nein, ich musste nicht zur Urinabgabe zwecks Überprüfung der medizinischen Seriosität, wie Jonathan Rommelmann das nach der Siegerehrung musste und deshalb mich und ein paar andere in der glühenden Sonne gute zwei Stunden aufs Interview warten ließ. Er konnte wegen Dehydrierung nur tröpfchenweise. Was Jason Osborne, sein versilberter Ruderpartner, in dieser Zeit machte, weiß ich nicht.

Wir Journalisten jedenfalls, natürlich auch Journalistinnen wie Katja Sturm, unsere freie RHEINPFALZ-Mitarbeiterin, und Saskia Aleythe von der Süddeutschen, diejenigen mit viel Geduld, standen also in der Mittagshitze und hatten, sorry, dann doch Glück, und zwar Glück mit dem Pech von Oliver Zeidler. Denn auch tragische Geschichten sind wahre Geschichten. Weil Rommelmann nicht pinkeln konnte und Olli Zeidler nicht mehr reden, schickte er, verständlicherweise, seinen Vater vor. Der übrigens ein sehr reflektierter Mann ist und nachvollziehbar erläuterte, dass Favoritengold nicht vom Himmel fällt. Da war es dann 13 Uhr, und noch nichts war geschafft. Ich hätte fast einen Tag Urlaub eingereicht.

Das ist in aller Kürze ein kleiner Ausschnitt aus einem Tag, der mit einer kalten Dose Bier frühmorgens um zwei Uhr geendet und am gleichen Morgen um sechs mit einer kalten Dusche schon wieder begonnen hatte. Es war mir in der Nacht emotional sehr schwer gefallen, in einem Kommentar die schlimme Wortwahl von Patrick Moster zu bewerten, den ich seit 35 Jahren (recht gut) kenne und über dessen Vater Sepp ich schon schrieb. Es hatte mich betroffen gemacht. Meine Sportredaktionskollegen in Ludwigshafen, mindestens ebenso im Olympiastress wie ich, und das nach diesem heißen Fußball-EM-Sommer, bauten flugs die Sportseiten um. Das ist Tagesgeschäft, die Zeitverschiebung lässt vieles zu. Der siebenstündige Vorsprung geht freilich ein bisschen auf meine Kosten. Aber gut, das ist keine Klage. Alles gut, alles bestens.

Selbst das stete Sich-die-Beine-in-den-Bauch-stehen, das Warten auf vernünftige Athleten-Antworten, das Hoffen auf ein emotionales Einordnen ihrer Leistungen nehmen wir Journalisten in Kauf. Wenn’s dann so unterhaltsam wird wie mit Andrea Herzog, der Bronze-Kanutin, die so geduldig und stolz ihr Sträußchen in Händen hielt. Da war es 17 Uhr und immer noch nichts in die Tastatur getippt. Man muss da schon auch aufpassen, das Wesentliche nicht zu verpassen: Das konzentrierte Erleben, das Aufsaugen des Wettkampfes, des Kampfs um die Medaillen. Denn: Live is Live. Live inspiriert.

Mindestens ebenso „spannend“ (Achtung, Ironie) wie die Mixed Zones sind die kleinen Kioske in den Mediencenter der Wettkampfstätten. Nirgendwo gibt es das gleiche. Hier Ramen mit Seafood, dort ein Bento-Pack mit Frikadellen, wieder woanders nur Chips und Kekse. Oder Plastikdosen mit Salat. Was es überall gibt, sind Bananen. Mal kosten sie 100 Yen, mal gibt es für jeden so viele wie er will „fer umme“, bis sie leer sind, mal steht da: Bitte nur eine am Tag. Das hat aber ganz sicher eine andere Wirkung als die eines Apfels und ist irgendwie – Banane.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
23.07.–08.08.2021 Olympische Sommerspiele 2020 Tokio (Japan)