Der Anfang ist gemacht, die Leichtathletiksaison läuft. Im Düsseldorfer Autokino siegt Stabhochspringer Torben Blech vor 225 Autos mit 5,55 Metern. Die beiden Zweibrücker Raphael Holzdeppe und Karsten Dilla springen in den Windböen hinterher, loben aber das große Kino im Autokino. Die geniale Idee sollte Nachahmer finden.

Als Raphael Holzdeppe (30), der Weltmeister von 2013 aus Zweibrücken, nach seinen drei vom Winde verwehten Fehlversuchen bei seiner Einstiegshöhe seine Sporttasche packte und den über fünf Meter langen Sack mit seinen Karbonstäben verschnürte, ging es auf Mitternacht zu. Er schien mit seinen Anläufen gar nicht mal unglücklich zu sein, war sehr froh über seinen ersten Wettkampf seit dem 1. Oktober, gab ein Interview nach dem anderen. „Wer hätte im März gedacht, als die Pandemie einsetzte und Olympia verschoben wurde, dass wir doch schon im Juni springen. Und dann auch noch mit Zuschauern!“, sagte er.

Der eher schmächtige Holzdeppe lobte seinen körperlich stabileren Konkurrenten Torben Blech (25): „Hut ab, wie der das bei dem Wind durchzog.“ Blech, der als Sieger mit der überflogenen Höhe von 5,55 Meter schon feststand, probierte sich ein drittes und letztes Mal an den 5,65 Meter. Er kommt aus dem Siegerland, ist Wind und Wetter gewohnt und ging auf dem langen Steg, die 400 Quadratmeter große Leinwand im Rücken, einfach drauf los auf die Latte. Um ihn herum standen 225 Autos, viele feuerten mit den Warnblinkern an. Manche Autofahrer widersetzten sich dem Hupverbot und machten Radau, andere saßen auf den Autodächern und klatschten beim Anlauf rhythmisch mit den Händen. So wie es sich gehört. Eher ungewöhnlich, dass im Masken-Publikum Nachos- und Popcorntüten kursierten, das aber gehört eben zu einem guten Film dazu. Die Atmosphäre bei der Autokino-Weltpremiere sollte an diesem 12. Juni die Leistungen einfach überbieten, das war der Plan.

Blech scheiterte, ließ sich aber als erster Sieger der verhinderten Leichtathletiksaison feiern. Der böige Wind, der für eine 30-minütige Unterbrechung gesorgt hatte, war verzogen, die Blitze zuckten ohne Donnergroll über der Düsseldorfer Messe. Wehmut über den plötzlichen Wetterumschwung, bei allerdings immer noch 18 Grad, verhinderten das grandiose Happy End im ganz großes Sportkino, aber egal. „Die Idee ist einfach genial. Die Zuschauer sind in ihren Autos hiergeblieben, das zeigt, wie begeistert sie waren. Ich finde, das kann jedem Mut machen, mit einer solchen Veranstaltung einen ähnlichen Weg zu gehen.“

Auch Karsten Dilla, Holzdeppes Trainingskollege, der mit 5,20 Meter Fünfter wurde, war baff: „Es ist eine mega Veranstaltung, alle hatten großen Bock. Dass es dann vom Wind verblasen wurde, ist schon sehr schade. Die ganze Arbeit, die dahinter steckt. Ich hätte mir gewünscht, dass es mehr gewürdigt wird. Aber man rechnet jeden Moment mit einer Bö, und das ist tödlich beim Stabhochsprung, wenn man unsicher wird. Der Stab bietet einfach zu viel Angriffsfläche.“

Es ist kein Zufall, dass die Sportstadt Düsseldorf einmal mehr das bundesweite Aufsehen auf sich zog. Die Stabhochsprungfreaks kamen zur Flugshow von überall her: aus Münster, Freiburg, Darmstadt, Ludwigshafen. Wie schon vor drei Jahren, als der Grand Départ der Tour de France in Düsseldorf wie ein wunderbarer Film ablief. Oberbürgermeister Thomas Geisel steht eben solch ungewöhnlichen Ideen aufgeschlossen gegenüber, die Stadt am Rhein träumt auch von Olympischen Spielen 2032.

Dabei waren als Zuschauer eine ganze Reihe von Ex-Stabhochspringern: Tim Lobinger (47), der sich als leukämiekranker Athlet besonders für die Spendenaktion zugunsten der Kinderkrebsklinik stark machte, für die 17.000 Euro zusammen kamen, Björn Otto (42) und Lars Börgeling (41) als Kommentatoren und eben Tobias Scherbarth (34), der stolz sagte konnte: „Das ist mein Baby.“

Raphael Holzdeppe hatte das Pech, dass er nach der Unterbrechung als erster wieder ran musste, als der Wind sich noch nicht gelegt hatte, aber er hakte das schnell ab. Große Höhen beim ersten Wettkampf nach neun Monaten, wie soll das gehen? „Du kannst bei solchen Böen im Anlauf den Stab nicht kontrollieren. Aber das ist Leichtathletik unter freiem Himmel“, sagte er. Er war froh, die Tasche daheim überhaupt ein- und die Stäbe hier auspacken zu können. Die PSD Bank Flight Night war ein Hoffnungsschimmer am Pandemiehimmel. Für Torben Blech, Bo Kanda Lita Baehre und Philipp Kass (beide 5,40 m) sang Whitney Houston „I wanna dance with somebody“ aus dem Lautsprecher. Der Saisonanfang war geschafft.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
12.06.2020 Flight Night Düsseldorf 2020 Düsseldorf (Deutschland)