Um zehn vor Zehn standen die Ersten hippelig in der Schlange bei Pachinko Hiroki, es wurde gerade die Nummer 47 ausgegeben. Ich denke mir, dass die Spielhölle schön klimatisiert ist. Die Sonne hat noch mal eine Schippe draufgelegt, die Japaner laufen mit batterieangetriebenen Plastikventilatoren durch die Stadt. Und mit einem Schirm sowieso. Der Zug in die Innenstadt ist rappelvoll. Ist es wirklich eine so gute Idee in Pandemiezeiten, sich ins Gewimmel zu stürzen? Per Mail kommen die ersten Ausreisemodalitäten. Wir Deutschen wissen, dass zur Einreise der doppelte Impfnachweis reicht. Eigentlich. Oder sollen wir doch noch mal einen Spucktest machen? Ich werde es am Sonntag tun. Das letzte Wochenende soll regnerisch werden. Taifun Nummer 10 droht, Name weiß ich noch nicht. Juckt mich auch nicht. Ich will heim.

Fast leergeschrieben bin ich. Die Finger finden die Tasten nicht mehr so gut. Pause. Durchschnaufen. Nachdenken. Mein erster halber freier Tag. Ich nehme wieder vom MPC diese wunderbare Yurikamome-Linie über die künstlich geschaffene Hafenstadt Odaiba. Dort hätte das Herz der Spiele schlagen sollen. Bahn-Wechsel bei Shimbashi, links stehen, rechts gehen auf den Rolltreppen. An jeder Ecke ein, zwei, oft drei Getränkeautomaten, aber an keiner Ecke ein Mülleimer. Zum Glück Toiletten. Können sich die Deutschen eine Scheibe abschneiden, ich kenne nur die am Goerdeler Platz. Wobei, kein Vergleich bitte. Funktioniert nicht. Weil Japan ja so unendlich funktional ist im wirklichen Leben. Mich zieht es an die berühmteste Kreuzung der Welt. Sagt man. Man muss sie erleben. Ich drehe ein Video. Vier Straßen treffen aufeinander. Entsprechend viele Zebrastreifen sind’s, plus der diagonale. Kennen sie Sofia Coppolas Kultfilm „Lost in Translation“? Dann kennen sie Shibuya Crossing.

Ich zweige von meinen Spesen 2000 Yen ab, rund 16 Euro, um aus dem Hochhaus „Shibuya Square Scramble“ auf die Kreuzung zu blicken. Wahnsinn. Meine letzte Aussichtsplattform war auf dem Ludwigsturm nahe der Rietburg. So viele Bäume dort stehen, so viele Wolkenkratzer stehen hier. Eher mehr. Ich hatte eine Rieslingschorle dabei, mit Freunden. Jetzt trinke ich einen Green Tea Latte, auf Eis.

360-Grad-Aussicht, viele junge Menschen, nur Japaner. Naja wer sonst? Die Stimmung bei Sonnenuntergang ist umwerfend. Man möchte noch mal jung sein und frisch verliebt. Ich sehe das Stadion einen Steinwurf weit weg. Fahre mit dem Taxi hin und kriege Stress. Ein Security-Macker will mich nicht rauslassen, der Taxifahrer ahnungslos. Ich versteh nichts. Dann spricht der Polizist in sein Übersetzungsgerät. Ich dürfe hier nur raus, wenn ich 14 Tage im Land bin, zeigt er mir. Bin ich, mein Freund. Zum Glück. Sonst hätte ich Shibuya niemals von oben gesehen. Wäre unverzeihlich.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
23.07.–08.08.2021 Olympische Sommerspiele 2020 Tokio (Japan)