Interview: Gold, Silber und Bronze hat Raphael Holzdeppe (30) schon, jetzt kann er ein Leinwandstar werden. Seine Kumpel und er freuen sich auf die Stabhochsprung-Show in Düsseldorf. Immerhin ein Wettkampf mit Zuschauern und damit anders als im Fußball. Dass wieder gekickt wird, ist für den Zweibrücker ein gutes Signal.

Hallo Raphael, wie oft warst du schon in einem Autokino?

Noch nie, und jetzt komme ich hin, um mit dem Stab zu springen. Das ist schon sehr kurios.

Wie kam’s zu der fetzigen Idee?

Es war witzig, weil Daniel Clemens und ich beim Brainstorming drei Tage vorher die gleiche Idee hatten. Und dann wurde ich schon angerufen. Wenn verschiedene Leute denselben Gedanken haben, muss es ja gut sein. Mein Ex-Springerkollege Tobias Scherbarth, der im Sportmarketing für Düsseldorf arbeitet, hatte die zündende Idee.

Stabhochspringen geht aber nicht bei jedem Wetter.

Es ist ein klassisches Freiluftevent. Wir werden natürlich am Abend springen, damit die Leute die Sprünge auch auf der Kinoleinwand mitverfolgen können. Und dafür muss es dunkel sein.

Wie es aussieht, wird die Show am 12. Juni der erste Wettkampf in der sportfreien Zeit in Deutschland werden. Mit fünf, sechs deutschen Springern, auch deine Trainingskollegen Karsten Dilla und Daniel Clemens starten.

Es ist kein Wettkampf im klassischen Sinne, sondern ein Showevent. Sportveranstaltungen sind in Nordrhein- Westfalen bis Ende August verboten. Das heißt für uns, dass die Höhen, die wir springen, nicht in Bestenlisten geführt werden.

Aber für den Kopf und das Herz ist das doch egal, oder nicht?

Klar, das macht es nicht weniger attraktiv. Es ist einfach klasse. Im März hätten wir doch nicht damit gerechnet, am 12. Juni springen zu können. Wir sind total happy, dass wir den Sport trotz der Krise zu den Leuten bringen können, auch wenn sie in ihren Autos sitzen. Das ist noch mal anders als Sport im Fernsehen oder Fußball im leeren Stadion.

Die Fußballprofis kicken wieder, der Spielbetrieb steht momentan aber sehr in der Kritik. Wie gehst du damit um?

Ich kann beiden Parteien was abgewinnen. Aber generell für den Sport, der ja sehr in die Gesellschaft hineinwirkt, ist es nicht schlecht, dass der Ball wieder rollt. Ich gucke auch gerne Fußball. Das Erlebnis ohne Zuschauer ist anders, klar. Ich habe bei Sky die virtuellen Stadionklänge ausprobiert, das fand ich aber doof. Ich denke, die DFL hat sich viel Mühe gegeben. Perfekt ist das alles definitiv nicht, aber was ist schon perfekt? Vieles hat jetzt auch Symbolcharakter. Es ist ein gutes Signal dafür, dass es sich lohnt, Konzepte zu erarbeiten, um der Wiederaufnahme eine Chance zu geben. Aber man hätte den Spielern wie uns Leichtathleten ein Stimmrecht einräumen müssen und nicht nur Funktionäre und Politiker entscheiden lassen sollen.

Ihr Leichtathleten wurdet gefragt, ob ihr starten wollt?

Ja, es gab eine Umfrage unter allen Kadermitgliedern, ob wir Athleten die deutschen Meisterschaften ohne Zuschauer annehmen würden. Eine Vielzahl hat sich eindeutig dafür ausgesprochen. Das ist eine tolle Herangehensweise des Verbandes. Ich hätte auch nichts dagegen. Es laufen Gespräche mit den Behörden, es müssen verschiedene Dinge ausgelotet werden. Zum Beispiel, was mit den Kontaktdisziplinen ohne feste Bahnverteilung ist, also den Läufen über 800 Meter aufwärts. Ein Wettkampf ohne Zuschauer ist auf alle Fälle besser als keiner.

Und warum?

Ein Wettkampf ist die Bestätigung dafür, was man im Training richtig oder falsch gemacht hat. Man braucht auch einen Rhythmus. Wenn gar nichts in diesem Sommer ginge, kämen wir ohne ein ganzes Jahr Wettkampfpraxis in die Olympiasaison.

Am 24. März kam das Olympia-Aus. Ein Schock für dich? Oder hattest du damit gerechnet?

Es war klar, dass es keine andere Möglichkeit als die Absage gab. So wie sich gerade in Europa alles so dramatisch schnell verschlechtert hatte. Es ist eine Pandemie. Jeder ist gleich betroffen. Mich hat es motivationsmäßig nicht in den Keller gestürzt. Ich sehe die Sache gelassen und schaue nach vorne.

Du bist 30. Ein Karriereende stand nach der Absage nicht zur Debatte?

Nein. Der Plan ist, dass ich nach Paris 2024 aufhöre.

Deinen letzten Wettkampf hattest du am 1. Oktober mit WM-Platz sechs in Doha. Warum hattest du dich gegen eine Wintersaison ausgesprochen, und hat sich das ausgezahlt?

Keine WM oder EM war jemals so spät wie die in Doha, und ich wusste nicht, wie lange mein Körper für die Regeneration braucht. Ich sagte mir, bevor ich mich hetze, lasse ich die Hallensaison aus. Meinem Körper geht es jetzt sehr gut. Deshalb brenne ich auch auf Düsseldorf.

Bestimmt, weil nur trainieren einem auf den Zeiger geht. Wie hast du dich in der Zeit, als alles verboten war, fit gehalten?

Ich war in Parks und im Wald, meistens in meinem Wohnort Saarbrücken. Am letzten Tag der Hallenöffnung hatte ich Gewichte mitgenommen und mir daheim ein kleines Homegym eingerichtet, so gut das ging. Und wir hatten mit dem Wetter ja ein Riesenglück.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
12.06.2020 Flight Night Düsseldorf 2020 Düsseldorf (Deutschland)
26.07.–11.08.2024 Olympische Sommerspiele 2024 Paris (Frankreich)