Pflichtbewusst habe ich zum vierten Mal ins Röhrchen gespuckt, seit ich in Tokio bin. Wieder unter dem vorauseilenden Entschuldigungsgeschmuse („Sorry, sorry, sorry“) der im Übermaß rumsitzenden Japanerinnen, deren Freundlichkeit zuweilen anstrengend ist. Da bleibt nur Anpassen, zumal sie auf große (und nette) Europäer durchaus zu stehen scheinen. Es ist ein Geben und Nehmen, das mit dem Konnichi wa (für Guten Tag) beginnt und beim Arigatou (für Danke) noch lange nicht aufhört. Von wegen, zu viele Volunteers hätten abgesagt. Wahrlich nicht. Jeder bekommt jeden Meter des Weges gezeigt, die Helfer gehen sogar mit einem über den Zebrastreifen. Es ist diese Hingabe, von der mir Professor Rövekamp erzählte, der Direktor des Ostasieninstituts in Ludwigshafen, als ich ihn im Vorfeld bat, mir japanische Menschen in einem Wort zu beschreiben. Hingabe in allem. Die Spiele sollen ein Erfolg werden!

Es ist ein guter Tag, der ohne Wecker und mit zwei mitgebrachten Scheiben Schwarzbrot zum Frühstück begann. Von der Kraft kostenden Orientierungslosigkeit und den technischen Problemen der ersten Tage über das heftige mentale Tief am Montag hin zum Gefühl gelangen, endlich angekommen zu sein – das scheint mir der richtige Weg zu sein.

Ich habe, so wie man samstags die Straße kehrt, im Schwäbischen etwa, meinen Schreibtisch aufgeräumt (oder ausgemistet), der mir virtuell in einem Rucksack, gezogen mit einer Teleskopstange, auf Schritt und Tritt folgt. Notebook, I-Pad, Dreifachstecker, Stromadapter, Ladekabel, Maus, zwei Handys. Ein Schloss, mit dem alles gesichert werden kann. Und Krimskrams halt, was so in ein Handtäschchen passt. Dazu der Kapuzenpulli, in letzter Sekunde bei Birkenmeier in Frankenthal gekauft. Er ist Gold wert, denn die Klimaanlagen sind teuflisch.

Ich lasse mich, wie fast jeden Tag, von Saeko und Satoko in die Kunst des Papierfaltens verführen. Origami kennt jedes Kind, nicht nur in Japan, aber hier wurde es perfektioniert. Aus einem quadratischen Stück Papier Kraniche oder Samuraihüte zu basteln, daran probiere ich mich an diesem Chill-Vormittag, an dem ich die Post erledige und Kontakte knüpfe.

Mit der überaus netten Mail von Beate Schwend steigt meine Lust, mich in meine Hobbygärtnerambitionen zu steigern. Im Ruhestand demnächst darf’s ja gerne mehr als Rasen mähen sein. Natürlich sind die Morning Glory keine Petunien, wie ich fahrlässigerweise behauptet hatte. Sie kenne die Kletterpflanze als Prunkwinde, Ipomea, die nur vormittags blühe, schrieb mir die heute 73-jährige Dame aus Essingen, die im September 1978 in Japan von Jugendherberge zu Jugendherberge getingelt war – zu dritt mit dem Rucksack. Es sei wunderschön gewesen, sie zehre heute noch davon und habe sich gerade ihr Fotoalbum von damals angeschaut.

Seit diesem Tagebuch am Samstag habe ich längst vor Ort gesehen, dass die Morning Glory nicht nur beim Bogenschießen, sondern an allen Wettkampfstätten gedeihen. Sie sollen Stellvertreter der Zuschauer sein, so wollten das Schülerinnen und Schüler in Tokio. Christof Siemes, der Zeit-Autor, der irgendwoher erfuhr, dass ich ihn in diesem Tagebuch gewürdigt hatte, wollte die RHEINPFALZ online bestellen. Er sei gescheitert, bedauerte er, aber er wolle nicht aufgeben. Genau diese Mentalität, das Nicht-Aufgeben, haben wir Journalisten mit den Sportlerinnen und Sportlern gemein. Wie sagen sie immer? Wir wollen Spaß haben und werden unser Bestes geben. Ich weiß, wovon sie reden.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
23.07.–08.08.2021 Olympische Sommerspiele 2020 Tokio (Japan)