Auf dem Weg nach Tokio: Europameisterin Christin Hussong nimmt die Rolle der Mitfavoritin bei den Olympischen Spielen an. 69,19 Meter flog ihr Speer Ende Mai, nur eine Athletin war in diesem Jahr besser. Dass ihre Aufregung von Tag und Tag steigt, ist für sie normal. Und dass wenigstens ein Begleiter mitfliegt, ist ganz wichtig für sie.

Herschberg. Den Koffer an der einen, die Speere an der anderen Hand – für Christin Hussong sind die Wege zum und vom Flughafen und das Einchecken irgendwie Normalität. „Ich bin das gewohnt“, sagt sie lachend. Klar, bei dieser Vielzahl von Flügen. Seit Anfang Mai war sie in Polen, Finnland, Tschechien, Kroatien, Schweiz, Norwegen und Monaco. Vielfliegerin also, auch in Coronazeiten. Der nächste Flieger geht nach Tokio, am 24. Juli, und von dort erst mal ins einwöchige Trainingslager in Miyazaki.

„Anfangs war es komisch an den Flughäfen, weil ich dachte, Corona gibt’s gar nicht mehr. So unfassbar viele Menschen, ich war überrascht“, sagte sie über das Gewimmel, ohne es in Zweifel ziehen zu wollen. „Es liegt an einem selbst, wie man sich in der Masse verhält“, sagt sie. Selbst war sie ja auch unterwegs – dienstlich und mit Maske und Abstand, mit jeweils fünf Speeren, versteckt in Röhren in einer großen langen Tasche, und mit riesigen Erfolgen auf den Heimflügen. Acht Siege in zehn Wettkämpfen und diese starken 69,19 Meter in Chorzow – eine Wahnsinnsbestleistung. Und: Sechs der acht weitesten Würfe in dieser Saison stammen aus ihrem rechten Arm. Heißt: Christin Hussong ist Mitfavoritin in Tokio.

„Ganz klar, eine Medaille ist mein Anspruch und mein Traum, und es ist auch realistisch. Ich war noch nie so stark wie in dieser Saison“, sagt die Europameisterin von 2018, die vor zehn Jahren als Jugend-Weltmeisterin in Lille (59,74 m) zum ersten Mal groß auftrumpfte. Sie redet nicht drumherum, sondern benennt Fakten, zumal sie in dieser Saison schon gegen alle Konkurrentinnen antrat, außer gegen die Chinesinnen, die wegen des Coronavirus nicht nach Europa kamen.

Dass zuletzt die Kurve an Wurfweiten etwas zurück ging, berührt die 27 Jahre alte Studentin aus Herschberg wenig. Im Gegenteil: „Wir haben unser Augenmerk in der Trainingsplanung ganz klar auf Tokio ausgerichtet, und da wird man, was die Weiten angeht, in dieser Phase eher ein wenig schlechter, das ist völlig normal“, erläutert sie, warum seit Mitte Juni keine Speere mehr Richtung 66 Meter, sondern nur auf 63, 64 Meter flogen.

Als Mitglied des LAZ Zweibrücken trainiert sie nahezu täglich im Westpfalzstadion, immer mit ihrem Vater Udo Hussong. Fragen von Journalisten, wie gut das denn gehe, sie, die Tochter und er, der Vater, beantwortet sie inzwischen mit großer Geduld und freundlicher Miene. Ja, es geht gut. Richtig gut. Die beiden verstehen sich, weil sie an einem Strang ziehen und am gleichen Ziel arbeiten: immer besser werden zu wollen mit dem Ziel, eine Medaille zu holen.

Im Schnitt donnert sie 30 Speere an einem Trainingstag in den Himmel über Zweibrücken, mal sind es auch 40, oder nur 20. Würfe absolviert sie auch mit kleinen und großen Bällen, mit leichteren und schweren. Jetzt aber ist das alles überschaubar geworden. „Verhexen kann man jetzt eh nichts mehr“, sagt sie. Nun heißt es, kühlen Kopf zu bewahren und die Nerven im Griff zu behalten. Sie weiß, dass sie verletzungsfrei und top vorbereitet die Mission Olympia angeht, aber dennoch spürt sie eine gewisse Nervosität. „Die Aufregung wird von Tag zu Tag größer, wenn es nicht so wäre, liefe etwas falsch“, gibt sie zu bedenken.

Udo Hussong wird mit ihr nach Tokio fliegen, was Christin absolut gut tun wird. Sie braucht ihn als Coach auf der Tribüne. Mama Gaby wäre gerne mitgeflogen, was aber nicht erlaubt ist. Im Gegensatz zum Telefonieren ... Wo die Frau Mama die beiden Wettkämpfe, die Qualifikation und hoffentlich das Finale anschauen wird, weiß Christin nicht. „Ich glaube, sie würde es am liebsten irgendwo alleine anschauen“, sagt die Tochter. Gefeiert wird aber – im besten Falle – garantiert gemeinsam.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
23.07.–08.08.2021 Olympische Sommerspiele 2020 Tokio (Japan)