Schrecksekunde am heißen Nachmittag. Ich musste kurz raus aus dem Stadion, habe mir mein „Mittagessen“ in einem Family-Mart gekauft, der so gut wie ausverkauft war, weil ihn mittlerweile alle Journalisten entdeckten, die das Stadionessen satt haben. Es gab Sushi aus der Plastikpackung, mein erstes. Sushi nahm ich bisher nur als Kennwort für das W-LAN wahr.

Meinen Schreibtisch auf Rollen ließ ich drinnen, nur: Ich vergaß das Ticket für den Abend. Steckte im Rucksack. Und jetzt? Wie wieder reinkommen? Hayate Kato, der allererste Kontrolleur am Stadion, der Chef der Kolonne, zeigte sich unerbittlich hart. So stur wie zehn Minuten zuvor ein Polizist, weil ich 20 Meter von einem Zebrastreifen entfernt die autoleere Straße überqueren wollte. Im Einhalten von Regeln sind Japaner gnadenlos streng.

Dort gab ich nach, hier aber nicht. Verständlich, oder? Erst versuchte ich mich mit Erklärungen, dann mit weinerlichem (leisen) Fluchen, okay, mit Brabbeln. Er sagte „No“, sagte noch mal „No“ und wieder – und telefonierte. Es ging aber keiner dran. Ich bot ihm vorübergehend meine Visa-Karte, meinen Reisepass oder meine Armbanduhr an, um ihm zu zeigen, dass ich keinen Sinn für Spaß habe, dann startete ich meine manchen Leuten bekannte Charmeoffensive, las seinen Namen auf seiner Akkreditierung ab, sprach ihn als Mister Kato an, erzählte ihm, wie begeistert ich von Japan bin und plötzlich – danke Hayate! – war ich wieder drinnen. Geht doch! Hayate ist einer von zigtausend Helfern. Vier Wochen vorm Abflug meldete die Agentur panisch, um die Spiele noch schlechter zu machen, nun auch Land unter in Sachen Volunteers. 10.000 hätten wegen Corona abgesagt. Zum Glück haben sie das. Man hat das Gefühl, es seien immer noch 10.000 zu viel. Überbesetzt sind sie, aber es hilft mehr, als dass es schadet. Nationaler Stolz ist es, warum meist junge Leute ein Teil von Olympia sein wollen.

Nach drei, vier Tagen hatten sie auch gelernt, was sie wissen müssen. Wobei man sagen muss: Die Volunteers – das sind die mit den blauen Hemden, falls sie, statt RHEINPFALZ zu lesen, ausnahmsweise mal Fernsehen gucken – sind nicht die einzigen Helfer. Vielleicht die einzig freiwilligen, die das für einen Appel und ein Ei tun. Die Helfer sind durch die Kleidung gut zu unterscheiden. Die mit den gelben Leibchen regeln die Sache mit den Bussen und mit den Schlangen. Einer, das heißt eine Position, fällt mir seit Tagen auf. Da sitzt er vor dem Eingang zum IBC, das ist das MPC für Fernsehleute, und zeigt an, genau hier, wo er sitzt, sei das Ende der Schlange beim Einlass. Nur: Seit Tagen ist da keine Schlange. Es gibt in Tokio (gefühlt) gerade nur noch zwei Schlangen. Eine an den Olympischen Ringen, die andere an der Raucherecke beim MPC. Übrigens: Am Samstag vor 23 Jahren habe ich mit dem Rauchen aufgehört.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
23.07.–08.08.2021 Olympische Sommerspiele 2020 Tokio (Japan)