Acht Wochen vor Beginn der olympischen Leichtathletik-Wettkämpfe steht bei den deutschen Meisterschaften der Kampf um die Tickets nach Tokio im Mittelpunkt. Und Pfälzer spielen in diesem Braunschweiger Konzert die erste Geige.

Die Stabhochsprungentscheidung im Zeitraffer: Anfangshöhe 5,40 Meter im dritten Versuch geschafft, über 5,60 gleich im ersten. Dann 5,70 Meter: Raphael Holzdeppe ist raus, Bo Kanda Lita Baehre (22) springt drüber, Oleg Zernikel (25) reißt einmal – und pokert. Geht auf Anraten von Bundestrainer Andrei Tivontchik aufs Ganze, nimmt für die 5,80 einen noch härteren Stab, den er noch nie sprang und – fliegt drüber. Und wie! Sicher, sauber, souverän. Bestleistung, Titel, Olympiaticket. Wahnsinn. Wie von der Tarantel gestochen hüpft er von der Matte, vollführt Freudensprünge, seinem Heimcoach Jochen Wetter (80) stehen die Tränen in den Augen. Er hatte schon 2000 Nicole Humbert zu Olympia gebracht. Wetter sagte: „Der Titel ist eine Überraschung, die Höhe nicht.“

„Ich hatte mir vor dem Wettkampf nicht unbedingt Chancen auf den Titel ausgerechnet. Ich gehe inzwischen mit der Einstellung rein, Sprung für Sprung und schauen, was passiert. Wenn ich mir zu viele Ziele setze, dann geht es meistens schief“, sagte Zernikel danach. Aber nach den Sprüngen in Rehlingen an Pfingsten wusste er: „Ich kann diese Höhe!“

Der U20-WM-Dritte von 2014 hat sich nach dem ein oder anderen Tief mit neuen Zielen und Meditationen selbst dort herausgeholt – im Winter wurde er bei den Hallen-Europameisterschaften in Torun Vierter. „Tokio war das große Ziel. Mir kam die Verschiebung eher entgegen, jetzt habe ich es erreicht, und danach folgen weitere Ziele“, sagte Zernikel nach dem Triumph. Er wird sich bald noch härtere Stäbe anschaffen müssen.

„Ich gratuliere Oleg ganz herzlich, er hat einen super Wettkampf gemacht“, zog Zernikels Trainingspartner Raphael Holzdeppe (31), der Weltmeister von 2013, verbal den Hut. Die beiden treiben sich im Techniktraining bei Andrei Tivontchik gegenseitig an, Zernikel fährt dreimal die Woche von Godramstein nach Zweibrücken. Auch Holzdeppe hat die Olympianorm bereits seit 2019, muss aber einen Leistungsnachweis von 5,70 Metern noch abliefern. „Ich weiß, was ich noch ändern muss in den nächsten Wochen. Ich habe ein paar Unstimmigkeiten, was den Anlaufrhythmus angeht, und wenn der Anlauf nicht stimmt, dann kann ich machen, was ich will, dann ist der Sprung sehr schwierig so durchzuführen, wie ich mir das vorstelle“, sagte der hinter Bo Kanda Lita Baehre Drittplatzierte, der 2015 mit 5,94 Metern der letzte deutsche Meister war, der höher als Zernikel sprang. Tivontchik ist optimistisch, dass er Holzdeppe zu dessen vierten Olympischen Spielen mitnehmen kann. In London 2012 hatte er Bronze gewonnen, wie sein Trainer bereits 1996 in Atlanta.

Im Unterschied zum Erfolg des Landauers Zernikel kam der fünfte Meistertitel von Christin Hussong (LAZ Zweibrücken) mit acht Metern Vorsprung nicht überraschend. Aber: „Jede Woche zu erwarten, dass ich eine 69 werfe, wäre des Guten etwas zu viel“, sagte die 27-jährige Studentin aus Herschberg. „Es war technisch nicht so stabil heute. Ich weiß, woran ich arbeiten muss, an der Oberkörperposition, ich kippe am Ende weg“, analysierte sie, absolvierte ihre Pflichten mit Siegerehrung und Interviews und setzte sich mit den Eltern zur Heimfahrt ins Auto, denn am Sonntag geht’s nach Finnland. Nach 62,17 Metern blieben die Speere unter der 60-Meter-Marke, und sie machte die Versuche ungültig, der letzte Wurf auf 63,30 Meter versöhnte sie: „Meistertitel ist Meistertitel.“ Vater Udo Hussong blieb gelassen: „Sie ist nicht unter den Speer gekommen. Nach der 69 letzte Woche in Chorzow war bisschen die Luft raus, dennoch war sie hungrig.“

Hungrig – das gilt auch für Ricarda Lobe. Einmal mehr kam die 27 Jahre alte Landauerin nicht optimal aus dem Startblock und musste um die Verteidigung des Titels kämpfen. An der achten Hürde hatte sie ihn gewonnen. In 13,18 Sekunden setzte sie sich mit sechs Hundertstelsekunden Vorsprung auf Anne Weigold durch. „Ich bin natürlich zufrieden mit dem Titel. Ich weiß aber auch von meinen 13,03 Sekunden in der Schweiz, dass da noch so viel mehr geht“, sagte sie.

Und dann, nach drei Goldmedaillen, ging noch eine bronzene in die Pfalz. Zum ersten Mal wuchtete Yemisi Ogunleye die Vier-Kilo-Kugel über die 18 Meter, und das gleich um 48 Zentimeter über ihrer Bestleistung: Die 23-Jährige aus Bellheim im Trikot der MTG Mannheim holte Bronze hinter Sara Gambetta (18,31) und der mit 18,13 Meter weitengleichen Katharina Maisch. „Ich habe gemerkt, dass es weit gehen kann und vor dem sechsten Versuch gebetet und gesagt: Gott, jetzt alles rein. Ich hatte eine solche Zuversicht und große Ruhe, einfach unglaublich“, sagte Ogunleye, die im zweiten Jahr die Drehstoßtechnik umsetzt. Ihre Wintersaison war wegen Corona und einer langwierigen Genesung ausgefallen.

Auch Weber und Krause Siegen

Da der weltbeste Speerwerfer, Johannes Vetter, verletzt pausierte und Olympiasieger Thomas Röhler seinen ersten Wettkampf seit der WM in Doha nach dem ersten Versuch (Schmerzen im Brustwirbel) abbrach, holte sich der Mainzer Julian Weber (26, Bild) mit 80,33 Metern seinen ersten Meistertitel. Die für den Verein Silvesterlauf Trier startende Europameisterin Gesa-Felicitas Krause (28) lief ihren sechsten Hindernistitel nach Hause: in 9:31:36 Minuten. Der Landessportbund Rheinland-Pfalz dürfte jubilieren. Nach Tokio lief am Ende des ersten DM-Tages Alexandra Burkhardt. Sie holte sich in 11,14 Sekunden den Titel vor Lisa Mayer (11,16). Sina Mayer (LAZ Zweibrücken) belegte in 11,34 Sekunden den tollen vierten Platz. Schnellster deutscher Sprinter: Marvin Schulte (10,19).

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
05.–06.06.2021 Deutsche Meisterschaften 2021 Braunschweig (Deutschland)
23.07.–08.08.2021 Olympische Sommerspiele 2020 Tokio (Japan)