Leichtathletik: Der leitende Speerwurf-Bundestrainer Boris Obergföll sieht bei Christin Hussong noch ganz viel Luft nach oben. Bestleistung, eine Olympia-Medaille, vielleicht sogar die Traummarke von 70 Metern traut er ihr in diesem Jahr noch zu – wenn alles zusammenpasst. Nicht ausgeschlossen, dass das schon am Sonntag bei der Team-EM so ist.

Zweibrücken/Herschberg. Beim Pfingstsportfest in Rehlingen am vergangenen Sonntag war Boris Obergföll zur Abwechslung mal nicht vor Ort in der alten Heimat, um Athleten zu betreuen. Der heutige leitende Speerwurf-Bundestrainer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), früher selbst ein Weltklasse-Speerwerfer, war als Boris Henry im saarländischen Ludweiler, einem Stadtteil von Völklingen, aufgewachsen. Heute lebt der zweifache Vater mit seiner Frau, der Ex-Speerwurf-Weltmeisterin Christina Obergföll, in Offenburg in Baden-Württemberg.

Dort, quasi auf der heimischen Couch, hat der 47-Jährige im Livestream den Wettkampf von Rehlingen und Christin Hussongs drittbesten Karrierewurf auf 66,96 Meter gesehen und registriert, dass die Speerwerferin des LAZ Zweibrücken damit den alten Stadionrekord seiner Frau, die auch mitschaute, geknackt hat. Nicht schlimm für seine Gattin, wie Boris Obergföll versichert: „Christina hat sich gefreut für sie. Und Rekorde sind dazu da, gebrochen zu werden, das gehört einfach zum Sport dazu.“

In der Heimat konkurrenzlos

Als Christin Hussong 2014 ins Aktivenlager wechselte, war Christina Obergföll noch aktiv. Und die Konkurrenz bei den starken deutschen Speerwurf-Frauen war groß: Obergföll, Linda Stahl, Katharina Molitor, dann kam Hussong noch dazu. Die Sportlerinnen mussten sich intensiv um zwei, drei Startplätze bei internationalen Wettkämpfen streiten. Heute ist die 27-jährige Herschbergerin in Deutschland leistungsmäßig allein auf weiter Flur, wie Boris Obergföll bestätigt. „Das dauert vielleicht noch ein, zwei Jahre, bis aus der U23 wieder zwei, drei Athletinnen nachrücken. Aber das ist auch bei den Männern so.“ Nach den ersten Fünf mit unter anderem 2017-Weltmeister Johannes Vetter, Andreas Hofmann und dem Olympia-Sieger von Rio 2016, Thomas Röhler, kommt auch hier länger nichts. Da liegt in den nächsten noch viel Arbeit vor Obergföll (auch Männer-Bundestrainer) und Mark Adams, dem Bundestrainer der Speerwurf-Frauen.

„So eine starke Athletin wie Christin ist immer gut fürs ganze Frauenteam“, urteilt Obergföll. Hussongs Entwicklung kommt für ihn nicht überraschend. „Sie hatte 2019 schon ein relativ gutes Niveau im Trainingslager. Im vergangenen Jahr hatte sie super Werte, hat das in der Saison aber im Wettkampf nicht so rüberbringen können.“ Die Studentin des Gesundheitsmanagements hat vor allem technisch einen Schritt nach vorne gemacht. „Wir reden ja immer ein bisschen und haben schon vor der EM in Berlin stark am Thema Stemmbein gearbeitet“, sagt Obergföll. Groß bleiben, nicht abtauchen, nennt Hussong selbst das, die nach bisher drei guten Wettkämpfen selbstbewusst angekündigt, in diesem Jahr noch ihre Bestleistung (67,90 m) angreifen zu wollen. „Sie hat zuletzt mit ihrem Papa Udo gut gearbeitet. Die Leistung in Rehlingen war schön, aber da ist technisch immer noch Luft nach oben“, bescheinigt ihr der DLV-Coach.

Obergföll: „68 plus sind drin“

Auch Boris Obergföll glaubt daher, dass Hussongs Bestweite 2021 noch fällig ist. „Das ist noch nicht ausgereizt, da ist noch Potenzial nach oben“, findet er. „68 Meter plus“ sind drin. Und auch wenn die 70 Meter im Frauen-Speerwurf „eine ganz schöne Schallmauer sind: Warum soll Christin da nicht hinwerfen, wenn sie gesund bleibt? Sie kommt ja gerade erst ins beste Speerwurfalter“, so Obergföll. Was ihm derzeit besonders gefällt: „Christin hat eine gute mentale Stärke. In Split hat sie sich von Wurf zu Wurf gesteigert. Das spricht für sie und kann für Olympia in Tokio wichtig sein.“ Wenn sie dort 66 bis 68 Meter werfe, sei sie sehr gut dabei.

Wie in Split betreut Obergföll Hussong und seinen Athleten Johannes Vetter auch am Wochenende bei der Team-Europameisterschaft im polnischen Chorzów. Am Freitag hob der kleine, überschaubare DLV-Tross von Frankfurt ab. Ohne Heimtrainer, alle Athleten geimpft, möglichst von anderen fernhalten. „Die Team-EM hat nicht für alle deutschen Athleten die hohe Wertigkeit. Aber wir Speerwerfer nutzen sie noch als Wettkampf vor der deutschen Meisterschaft die Woche drauf.“

Dass man im Silesian-Stadion von Chorzów weit werfen kann, hatte Vetter im Vorjahr schon mit 97,76 Meter bewiesen. Obergföll ist daher trotz schlechter Wetterprognosen auch bezüglich Hussong optimistisch: „Vielleicht knallt’s bei Christin schon am Wochenende.“

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
29.05.2021 Team-Europameisterschaften 2021 Chorzów (Polen)
23.05.2021 Pfingstsportfest 2021 Rehlingen-Siersburg (Deutschland)
08.–09.05.2021 European Throwing Cup 2021 / Werfer-Europacup 2021 Split (Kroatien)
23.07.–08.08.2021 Olympische Sommerspiele 2020 Tokio (Japan)